Neuigkeiten-Detail

Auf dem Weg in die „bionische Moderne“

Prof. Severin Wucher, Dekan am Fachbereich Design der Hochschule Anhalt, versteht den Dessauer Fachbereich als Reallabor für die Gestaltung der Zukunft.

Herr Prof. Wucher, wie definiert der Fachbereich Design sein Selbst- und Aufgabenverständnis?
Prof. Severin Wucher: Gutes und nachhaltiges Design schafft mehr als nur schöne Oberflächen. Das wird gerade im Bauhausjubiläumsjahr sehr deutlich. Wir pflegen in Dessau einen erweiterten Designbegriff: Wir entwerfen hier nicht nur singuläre Objekte, sondern auch den Umgang mit ihnen. Wir gestalten die Prozesse, in denen Menschen miteinander oder mit Maschinen kommunizieren. Diesen Ansatz einer umfassenden Entwurfsdisziplin für alle Bereiche des Lebens etablierte das historische Bauhaus. Wir stehen in dieser Tradition und führen die unterschiedlichen Dimensionen von Design in einem einzigen Studienprogramm zusammen. Kommunikationsdesign, Produktgestaltung und Mediendesign sind nicht getrennt voneinander zu betrachten – die aktuellen Herausforderungen sind komplex, man kann sie nur ganzheitlich angehen.

Womit beschäftigen sich die Studierenden aktuell?
Der Fachbereich Design macht sich auf den Weg in die „bionische Moderne“. Wir aktualisieren den Bauhaus-Gedanken, der uns immer noch inspiriert. Doch anders als vor 100 Jahren, geht es im Design heute nicht mehr darum, dem Maschinenzeitalter ein Gesicht zu geben. Design gestaltet jetzt die technologischen, sozialen und kulturellen Umwälzungen der vierten industriellen Revolution mit: Digitalisierung, künstliche Intelligenz und soziale sowie ökologische Nachhaltigkeit. Als einziger Design-Studiengang im Land unterrichten wir deshalb das Fach Bionik, in dem das Lernen von der Natur Türen für technologische, soziale und ökologische Innovation öffnet.

Geben Sie uns ein Beispiel für aktuelle Fragestellungen, die derzeit im Fachbereich Design diskutiert werden?
Gemeinsam mit internationalen, nationalen und lokalen Unternehmen und Organisationen fragen wir uns derzeit, wie wir Erinnerungen festhalten, wenn in 15 Jahren das Smartphone in seiner heutigen Form verschwunden sein wird? Wie wir die Autoindustrie unterstützen können, sich neu zu erfinden, um nachhaltige Mobilität für den ländlichen Raum anzubieten. Wie wir bei zunehmendem Schiffsverkehr Wale vor Lärm schützen können. Welche Antworten wir auf den demografischen Wandel und die sich gegensätzlich entwickelnden Lebensmodelle in der Stadt und auf dem Land haben. Uns gehen die Herausforderungen niemals aus – hoffentlich!

Sie haben das Glück an einem Ort zu lehren, der weltweit positive Assoziationen hervorruft. Inspiriert Dessau auch heute noch?
Die Bauhausstadt Dessau ist für Kreative aus aller Welt ein Anziehungspunkt. Die Lage, nur 100 Minuten von Berlin entfernt, ist ideal. Designer lernen zwar am meisten von anderen Menschen, aber Designer brauchen auch mal ihre Ruhe, um den Kopf freizukriegen. Dessau ist für mich daher ein wunderbarer Ort, um nicht allzu weit entfernt von einem der wichtigsten europäischen Kreativ-Zentren, aber auch mit genügend Distanz zur trubeligen Metropole zu forschen. Unser Campus ist international, interdisziplinär und weltoffen. Hier haben wir genügend Diversität, um clevere Konzeptstudien für die Industrie, Anwendungen für erfolgreiche digitale Transformation und für soziale Innovationen zu entwickeln.

Was prägt die Lernatmosphäre am Fachbereich Design?
Studierende lernen, Alltagskultur zu gestalten. Und zwar nicht allein im stillen Kämmerlein, sondern im Austausch mit anderen. Vernetztes Denken, Analyse- und Kritikfähigkeit sowie offene Kommunikation – dies prägt unsere Lernatmosphäre. Selbstverständlich dürfen sich die Studierenden angstfrei ausprobieren, Angst gibt es im Bildungssystem ja leider viel zu häufig. An der Hochschule geht es nicht wie in der Schule darum, die erwartete Antwort zu pauken. Studierende lernen bei uns daher erst einmal, den Kern einer Fragestellung zu verstehen und eventuell neu zu formulieren. Wir nehmen ihnen die Angst vor dem Fehlermachen. Läuft etwas schief, wird das gemeinsam analysiert und gemeinsam verbessert. Nur so wird man besser, nur so entsteht Innovation und Wissen.