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Coworking ohne Space

Coworking ist eine Kultur des Miteinanders und kein Geschäftsmodell. Zwar braucht ein Coworking Space ein Betriebskonzept, um auch wirtschaftlich zu funktionieren, aber was diesen Ort zu einem Erfolg macht, sind in erster Linie die sozialen Interaktionen unter den Menschen, die von da aus arbeiten. Eine Kultur ist allerdings ein dynamischer und dialogischer Prozess, der sich unterschiedlich entwickeln kann und ortsungebunden funktioniert.
Geht Coworking also auch ohne Space?

Die Antwort ist eindeutig: Ja!
Ein Coworking Space braucht die Kultur des Coworking, um mehr als eine nur mit Möbeln zugestellte Bürofläche zu sein, aber Coworking selbst braucht gar kein Coworking Space, um ein Miteinander zu ermöglichen. Coworking kann an den unterschiedlichsten Orten stattfinden. Das ist eine Erkenntnis, die vor allem Gründer:innen von Coworking Spaces verinnerlichen sollten. Zuerst baut man eine Community auf, dann erst den Coworking Space.

Kurz nachdem die Coworking-Bewegung im Jahr 2005 entstanden ist, verbreitete sich die Idee schneller als Coworking Spaces. Im März 2006 luden die beiden in New York City lebenden Mitbewohner Amit Gupta und Luke Crawford einfach Leute zu sich nach Hause ein, um von da aus gemeinsam zu arbeiten, da es damals noch kein Coworking Space in der Stadt gab. Sie nannten das Format »House 2.0«, später dann einfach »Jelly«, nach ihrer Lieblingssüßigkeit Geleebohnen benannt.

Zu Beginn fanden Jellies oft in Wohnungen statt, später dann auch in kommunalen Gemeinschaftszentren, Bibliotheken oder Cafés. Im Kern der JellyIdee geht es darum, dass verschiedene Menschen an einem Ort zusammenkommen, um nebeneinander zu arbeiten.

Durch die Anwesenheit der anderen Menschen und den Austausch über die Aufgabe, an der man gerade arbeitet, entsteht zum einen sozialer Druck, etwas schaffen zu müssen, zum anderen „Serendipitätsmomente“.

Heutzutage gibt es immer noch Tausende von Jelly-Veranstaltungen auf der ganzen Welt. Oft stehen sie am Anfang der Gründung eines Coworking Spaces, denn ein Jelly vermittelt am besten, wie es sich anfühlt, Mitglied einer Coworking-Community zu sein

Dadurch können Gründer:innen ihr Konzept früh vermitteln und im besten Fall bereits zukünftige Mitglieder des Coworking Spaces gewinnen. Dies hilft, dass ein Coworking Space ab Start oft besser ausgelastet ist als ohne Vorbereitung

Jellies sollten regelmäßig durchgeführt werden, damit daraus eine Routine für die Nutzer:innen wird. Amit und Luke luden beispielsweise zweimal die Woche zu ihrem Jelly ein. Auch kann es Regeln für die Teilnehmenden geben, wie gemeinsam Mittagessen zu gehen oder sich alle zwei Stunden zu erzählen, woran man gerade arbeitet. Das verhindert Prokrastination und zeigt auch mögliche Synergien unter den Teilnehmer:innen auf. Wichtig ist aber nur, dass man dabei Spaß hat.

Wer möchte, kann ein Jelly auch nur aus Freude an der Sache organisieren. Nicht immer muss das Ziel die Gründung eines Coworking Spaces sein. Der Coworking Space Leuchtturm organisiert jeden Sommer eine Jelly-Reihe im Glashaus im Jenaer Paradiespark namens »Coworking im Freien«, wodurch dieser besondere Veranstaltungsort wiederbelebt wird. In Berlin gibt es eine JellyMeetup-Gruppe, die jede Woche gemeinsam von einer anderen Bezirksbibliothek aus arbeitet.

Ich selbst lebe seit dem Frühjahr in einer Stadt ohne Coworking Space. Damit aber die Gründung eines Coworking Spaces hier wahrscheinlicher wird, möchte ich demnächst selber ein Jelly starten. Wer in Stendal oder Umgebung wohnt, ist dazu jetzt schon gerne eingeladen. Und wer sich für das Thema interessiert und sich dazu mit mir austauschen möchte, kann sich gerne melden. So bringen wir Coworking in Sachsen-Anhalt weiter voran.

Bis denn, dann… Tobias Kremkau