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Es geht nicht um Technik, sondern darum, wie Technik im Leben eingesetzt wird

Sein Land ist weltweit führend in der Nutzung von regenerativen Energien, kann laut der Meinung unseres Interviewpartners aber auch von Deutschland lernen: Mit dem Gastprofessor Dr. Carlos Meza sprechen wir über nachhaltige Energieversorgung in seinem Heimatland Costa Rica, sein Lehr- und Forschungsgebiet Photovoltaik an der Hochschule Anhalt und warum er sich gut in die Studierenden im internationalen Masterprogramm Photovoltaik hineinfühlen kann. Der Weltbürger erzählt auch, welche Pläne er für die Hochschule Anhalt im Bereich Photovoltaik verfolgt.

Professor Meza, Sie lehren seit August 2021 als Gastprofessor in Köthen im Bereich Photovoltaik. Was fasziniert Sie an diesem Bereich?

Prof. Meza: Photovoltaik ist für mich eine der besten Energielösungen. Es hat die geringsten Auswirkungen auf die Umwelt und verbraucht eine der am meisten verfügbaren Ressourcen, die wir auf der Erde haben. Es ist fast unbegrenzt, wir haben überall Sonne, deshalb ist es sehr demokratisch. Seit 2010 unterrichte ich in diesem Bereich und es fasziniert mich immer noch. In Köthen bin ich seit August 2021 Gastprofessor, habe aber im Oktober 2020 angefangen, Lehrveranstaltungen zu geben.


An Ihrer Heimatinstitution am Costa Rica Institute of Technology ist Energietechnik einer der Forschungsschwerpunkte. Als Professor haben Sie in diesem Bereich Vorlesungen gehalten und waren für die Koordination des Labors für nachhaltige elektrische Systeme verantwortlich. Was sind die Aufgaben des Labors?
Ich habe 2010 das Labor „Labor für elektronische Systeme für die Nachhaltigkeit“ gegründet. Wir entwickeln elektronische Systeme, um nachhaltige Systeme zu unterstützen, insbesondere in der Photovoltaik. Costa Rica hat die interessanten Eigenschaften, dass es eines der wenigen Länder ist, in denen der Großteil der elektrischen Energie aus erneuerbaren Energien stammt.Welche Rolle spielt Photovoltaik dabei?Die wichtigste erneuerbare Energie, die in Costa Rica verwendet wird, ist Wasserkraft. Dennoch ist die Entwicklung der Photovoltaik in Costa Rica etwas anders als in anderen Ländern. Es wurde hauptsächlich dafür beworben, dass es in Ihren Häusern für den Eigenverbrauch und nicht in großen zentralisierten PV-Anlagen verwendet werden kann.

Was ist Ihr Forschungsschwerpunkt in Köthen?
Meine Forschung in Köthen bezieht sich auf die Leistungselektronik, die Teil einer Photovoltaikanlage ist. Leistungselektronik leistet zweierlei: Zum einen optimiert sie die Energieauskopplung aus den Photovoltaikmodulen und zum anderen liefert sie die Energie besser an das öffentliche Stromnetz. Es gibt jedoch einige Auswirkungen auf das Stromnetz, und die Elektronik kann diese Auswirkungen abschwächen. Also suche ich nach dem besten Weg, die Energie in das öffentliche Stromnetz zu transportieren, der dem öffentlichen Stromnetz nicht schadet, sondern ihm hilft. Eine wichtige Frage ist daher, wie diese Energie am besten in das Stromnetz eingespeist und mit Speichern kombiniert werden kann. Durch die Speicherung kann die Energie bei Bedarf unabhängig von der Sonne genutzt werden.

Beteiligen sich die Studierenden in Köthen an dieser Forschung?
Ja, ich unterrichte im Masterstudiengang Photovoltaik. Meine Vorlesungen sind eng mit meiner Forschung verbunden: Leistungselektronik in der Photovoltaik, Speichersysteme und Anwendungen in Solarsystemen. Ich bin auch Betreuer für Masterarbeiten in diesem Bereich.


Ihr Herkunftsland ist Costa Rica, Sie haben Ihren Master in der Schweiz gemacht und in Spanien promoviert. Sie haben einen Postdoc in der Schweiz und einen an einer UN-Forschungseinrichtung in Italien gemacht.
Ja, ich war in meinem Berufsleben schon in vielen Ländern und das gefällt mir sehr. Ich bin gerne hier in Köthen, weil das Masterprogramm sehr international ist.Welche positiven Effekte hat das für unsere Studierenden?Ich kann die Bedürfnisse und Notwendigkeiten der internationalen Studierenden der Hochschule Anhalt verbinden und besser verstehen. Ich weiß, woher sie kommen, ich kenne ihre Hintergründe, und ich kann ihnen vielleicht helfen, besser zu verstehen, wie sie im Ausland erfolgreich studieren können. Wir haben einen sehr technischen Masterstudiengang, aber das kann man nicht von der Realität und dem Leben trennen. Daher kann ich sie dabei unterstützen, hier in Deutschland in diesem multikulturellen Umfeld besser zu liefern. Ich weiß, was sie durchmachen, ich habe eine sehr gute Verbindung zu ihnen.


Die Studierenden profitieren von Ihren eigenen Auslandserfahrungen. Darüber hinaus schaffen Sie auch eine Verbindung zwischen der Hochschule Anhalt und Ihrem Land. Sie knüpfen beispielsweise Kontakte und Kooperationen mit potenziellen Partneruniversitäten in Südamerika. Welchen positiven Effekt hat das für die Kollegen in Ihrem Fachbereich?
Ich kann meinen deutschen Kollegen ein erweitertes Kooperationsnetzwerk mit anderen Kollegen aus anderen Ländern bieten. Wir haben zum Beispiel einen Antrag mit der Hochschule Anhalt, Costa Rica, Chile und Spanien gestellt. Dieses Netzwerk befasst sich mit Agrivoltaik. Damit erweitern wir das internationale Netzwerk der Hochschule Anhalt im Bereich Photovoltaik.


Costa Rica ist eines der führenden Länder in Bezug auf nachhaltige Energie. Nahezu 100 Prozent der Energieversorgung stammen aus erneuerbaren Energien. Zahlen, von denen Deutschland nur träumen kann. Wie hat Costa Rica es geschafft, seine Energieversorgung umzustellen, oder hat es immer diesen Weg eingeschlagen?
Wie wir im Moment leider wissen, hängt Energie davon ab, wo man sich befindet und welche Ressourcen man hat. Für Costa Rica sind fossile Brennstoffe teuer, da wir sie nicht haben. Für uns macht es keinen Sinn, uns auf andere Länder zu verlassen. In Costa Rica haben wir jedoch viel Wasser und Regen. Wir haben Berge bis fast 4000 Meter in der Mitte des Landes. Wir haben Flüsse und Vulkane. Was wir also nutzen, ist hydrothermale und geothermische Energie. Wir haben auch Sonne und Wind, die wir noch mehr nutzen könnten. Man denkt vielleicht, dass es einfach ist, wenn man all diese Ressourcen hat, aber das ist es nicht. Kraftwerke mit fossilen Brennstoffen zum Beispiel werden sehr schnell gebaut. Wasserkraft braucht mehr Zeit. Es erfordert eine höhere Anfangsinvestition und mehr Technik, Wissenschaft und Technologie, um es zu verwenden.


Welche Lehren kann Deutschland aus Costa Rica ziehen?
Vielleicht können Sie von uns lernen, aber wir können auch von Ihnen lernen! Wir haben noch viel zu tun und viel zu lernen. Obwohl wir fast 100 Prozent Strom aus erneuerbaren Energien beziehen, stammt praktisch unsere gesamte Transportenergie aus fossilen Brennstoffen. Wir haben noch einen langen Weg vor uns, um im weiteren Sinne vollständig von fossilen Brennstoffen wegzukommen. Dabei spielt die Elektrifizierung des Verkehrs eine wichtige Rolle. Dies ist besonders wichtig für öffentliche Verkehrsmittel wie elektrische Züge und U-Bahnen sowie für Verkehrsmittel im Allgemeinen.


Angesichts des Klimawandels und der Schwierigkeiten, auf fossile Brennstoffe zu verzichten, ist es als normaler Bürger manchmal schwierig, die Herausforderungen des Umstiegs auf erneuerbare Energien zu verstehen. Können Sie dieses Gefühl nachvollziehen?
Es ist schwer. Die Technologie ist da, sie muss nur implementiert werden. Das können wir kurz- bis mittelfristig tun. Aber was genauso wichtig ist, ist ein Umdenken. Zum Beispiel ist der Transport schwierig, weil er eine Änderung der Einstellung erfordert, um klimaneutral zu werden. Beispielsweise sollten wir mehr auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen.


Apropos Zukunft: Welche Erfindungen, Entdeckungen oder Erkenntnisse würden Ihrer Meinung nach in den nächsten zehn Jahren geschehen?
Ich wünsche mir die Integration von Speichern in das Stromnetz. Aber dieser Speicher muss bestimmte Eigenschaften haben: Niedrige Kosten und geringe Auswirkungen auf die Umwelt. Das ist schwer! Jetzt haben wir chemische Batterien, die das Entsorgungsproblem darstellen, und sie nutzen Ressourcen, um sie zu bauen. Wir brauchen also eine kostengünstige Lagerung mit sauberer Umweltauswirkung. Das möchte ich in der Zukunft sehen.

Was ist Ihr Motto, das Ihre Studierenden mit auf den Lebensweg nehmen können?
Ich möchte ihnen sagen: Vergiss nicht, dass du für die Gesellschaft forschst! Technik, Forschung und Labor – all das ist wichtig für Ingenieure. Aber manchmal muss man das Labor verlassen und rausgehen und mit den Leuten reden und verstehen, was die Gesellschaft braucht. Sie müssen wissen, wie sich ihre Forschung auf die Gesellschaft auswirken könnte. In unserer akademischen Blase denken wir oft, dass unsere große Erfindung das Leben der Menschen verändern wird, aber wir müssen auch wissen, was die Gesellschaft braucht. Es geht nicht um Technologie - es geht darum, wie Technologie im Leben eingesetzt wird!

Professor Meza, herzlichen Dank für das sehr interessante Gespräch!