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Professor Volker Schlecht

Wie Schreiben, Lesen, das Begreifen von Musik oder Sprache, soll auch Zeichnen eine Kulturtechnik sein, die über das einfache Handwerkszeug hinaus- und mit Spaß einhergeht: Diesen Leitgedanken hat Professor Volker Schlecht für seine Lehre am Campus Dessau vor Augen. Für das Gebiet Zeichnen und Gestalten wurde er im März 2022 am Fachbereich Architektur, Facility Management und Geoinformation zum Professor berufen. Im Interview erzählt Professor Schlecht über seine Arbeit als Illustrator, über die Themen, die in seine Lehre einfließen, und darüber, was ihm wichtiger ist als reines Talent.

Prof. Schlecht, wie und warum kamen Sie zum Zeichnen?

Das ist einfach zu beantworten, oder auch schwer zu erklären. Ich habe immer am liebsten nur gezeichnet, schon als ich noch ein kleines Kind war. Wesentlicher ist vielleicht, dass ich mich dann später, im Studium und bei der Arbeit, immer bewusster für das Zeichnen und gegen andere Möglichkeiten, die mich durchaus auch interessiert hätten, entschieden habe.

Sie leben und arbeiten seit 1999 in Berlin. Können Sie kurz auf Ihren Werdegang davor eingehen?

Ich bin in Radeberg, einem kleinen Ort bei Dresden, wo das berühmte Bier herkommt, aufgewachsen. In Dresden habe ich Abitur gemacht und an der Kunsthochschule in Dresden gleichzeitig eine Förderklasse und Abendkurse besucht. In Halle an der Burg Giebichenstein habe ich Grafikdesign studiert. Dort sind auch meine ersten beiden Zeichentrickfilme entstanden; der erste als Diplomprojekt, der zweite mit Hilfe eines Graduiertenstipendiums des Landes Sachsen-Anhalt. Insofern schließt sich für mich ein Kreis, wenn ich jetzt wieder hier in diesem Bundesland arbeiten werde.

War das Zeichnenlehren ein Berufswunsch von Ihnen?

Zur Lehre gekommen bin ich gar nicht unbedingt, weil ich so gerne unterrichten wollte. Es passierte eher durch einen Zufall, weil ich in nach mehreren Jahren Arbeit in einem Grafikdesign-Büro endlich wieder zeichnen wollte. Als mir dann die Mitarbeit im Studiengang Animation an der Filmuniversität in Potsdam-Babelsberg angeboten wurde, habe ich zugesagt. Am Anfang war das Unterrichten natürlich ungewohnt, da musste ich erst einmal hineinwachsen.

Und nach Potsdam ging es dann für Sie nach Berlin an die University of Europe for Applied Sciences, an der sie von 2014 bis 2020 Professor für Sequenzielle Illustration waren.
Jetzt sind Sie in Dessau an den Fachbereich Architektur, Facility Management und Geoinformation für das Gebiet Zeichnen/Gestalten berufen worden.

Welche Schwerpunkte setzen Sie in Ihrer Lehre an der Hochschule Anhalt?
Ich habe in Berlin an meiner bisherigen Hochschule im Austausch mit meinen Kolleginnen und Kollegen – und auch mit den Studierenden – ein zeichnerisches Grundlagenstudium entwickelt, das wir dort „Zeichnen und Sehen“ genannt haben. Dort flossen natürlich auch Erfahrungen aus unserem jeweiligen eigenen Studium ein. Ähnlich stelle ich mir das auch in Dessau vor: die Lehre weiterzuentwickeln anhand der Eindrücke und Rückmeldungen, besonders von den Studierenden. Mir geht es besonders um die Zeichnung als Mittel zum Verstehen, als Interaktion zwischen Auge, Gehirn und Hand, als grundlegende Kulturtechnik wie Schreiben, Lesen, Musik oder Sprache.

Ist die Arbeit als Illustrator für Sie ein Ausgleich oder eine Ergänzung zur Lehre? Inwieweit fließen Ihre Themen ein?
Die eigene Arbeit als Zeichner, ob nun als Illustrator oder als Filmemacher, sehe ich weniger als Ausgleich oder Ergänzung, sondern eher als die Grundlage meiner Lehre, aus der die eigenen Erfahrungen, die ich weitergebe, erst einmal herkommen und auch ständig aktualisiert werden. Ich bin selber neugierig, wie sich meine Lehre dadurch verändern wird, da ich ja nun keine Illustrationsstudierenden mehr unterrichte, sondern angehende Architektinnen und Architekten.

Wie wird sich Ihre Lehre in Dessau dadurch verändern?
Wahrscheinlich gar nicht so grundsätzlich. Ich möchte Grundlagen vermitteln. Wichtig ist mir vor allem, eine Sensibilität für die zeichnerischen Herausforderungen zu wecken, die in ganz simplen, alltäglichen Dingen und Situationen stecken. Das ist für mich nicht nur - und nicht in erster Linie - eine Frage des Handwerks, sondern eher des Verstehens, das aus dem zeichnerischen Prozess heraus entwickelt wird. Veränderungen ergeben sich sicher durch Sichtweisen und Prioritäten, in denen sich angehende Architektinnen und Architekten von Illustrationsstudierenden unterscheiden.

Die Architekturstudierenden kommen ja mit einem anderen Background an die Hochschule als Ihre früheren Illustrationsstudierenden. Was sagen Sie einer Studentin oder einem Studenten, die bzw. der Respekt vor dem Zeichnen im Architekturstudium hat und sich für wenig talentiert hält?
Ich bin der Meinung, dass Talent allein gar nicht so entscheidend ist. Wichtig ist der Spaß an der Sache. Wer Architektur studiert, hat sicher auch Lust auf die kreativen Prozesse davor und dahinter. Lust und Freude am künstlerischen Arbeiten führen nach meiner Erfahrung auch zu der notwendigen Ausdauer, die für Qualität und Originalität oft wichtiger ist als Talent. Mir ist der Spaß am Zeichnen deshalb ein wichtiges Anliegen in meinem Unterricht.

Unsere neu berufenen Professoren werden immer nach Ihrem Forschungsgebiet gefragt. Wie ist das in der Kunst, haben Sie ein Forschungsgebiet?
Mein Forschungsgebiet ist die Zeichnung. Meine Frau ist Wissenschaftlerin – dadurch ist mir der Unterschied zwischen dem, was seit einiger Zeit künstlerische Forschung genannt wird, und der wissenschaftlichen Forschung sehr bewusst. Es gibt aber sicher mehr Ähnlichkeiten oder wenigstens Parallelen, als oft vermutet wird. Jedes Bild, jedes Buch oder jeder Film ist ein Projekt mit einem Ausgangspunkt, aber einem ungewissen Ergebnis, ähnlich wie eine Expedition oder ein Experiment.

Zusammen mit einer ehemaligen Kommilitonin sind Sie seit 2002 als Designer-Duo „Drushba Pankow“ tätig. Gemeinsam illustrieren Sie für Magazine wie Rolling Stone, Die Zeit oder das arte magazin. Was ist Ihr aktuelles Projekt mit Drushba Pankow?
In den letzten Monaten war leider wenig Zeit für größere Projekte. Wir haben einige wenige Illustrationen für verschiedene Zeitschriften gemacht und einige Buchcover gestaltet. Das letzte größere Projekt war eine Ausstellung mit einer Auswahl unserer Arbeiten unter dem Titel „Zeichnung und Verantwortung“, die im Sommer 2020 in einem ehemaligen NATO-Munitionsbunker in Rheinland-Pfalz eröffnet wurde und bis Ende März noch in Frankfurt am Main im Haus am Dom gezeigt wird. Die nächste Station wird in Rom sein, dieses Jahr im Herbst.

Sie haben mehrere preisgekrönte Bücher veröffentlicht, 2020 die Graphic Documentary „Und wenn die Wahrheit mich vernichtet“ über den Lebensweg eines Paters im KZ Dachau. In einem Interview haben Sie über diese intensive Arbeit gesagt: „Emotional war es natürlich ein Abgrund, sich ein Dreivierteljahr intensiv mit dem Themenkreis KZ und Nazizeit zu beschäftigen.“ Ist das Zeichnen für Sie ein Weg, um die Brutalität der Realität leichter zu ertragen?
Diese Graphic Documentary ist auch der Kern der Ausstellung, von der ich gerade erzählt habe. Aber konkret zu Ihrer Frage: Leider im Gegenteil. Bei so einer Arbeit ist man ja gezwungen, sich intensiv damit auseinanderzusetzen, Bilder zu recherchieren, viel zu lesen, wenn möglich diese Orte zu besuchen. Ich habe im Atelier manchmal geheult dabei.

Aber in dem Moment, während ich diese Frage beantworte [das Interview wurde im März 2022 geführt, Anm. d. Red.], bekomme ich eine Nachricht, dass unsere neue ukrainische Mitbewohnerin ein Video gesehen hat, auf dem eventuell ihr zerstörtes Wohnhaus in Kiew zu sehen ist. Dadurch wird alles andere, worüber wir bis jetzt geredet haben, fast belanglos.

2016 beschäftigten Sie sich in dem animierten Dokumentarflim „Kaputt“ mit der Haftanstalt Burg Hoheneck, dem zentralen Frauengefängnis in der ehemaligen DDR. Wenn man sich Ihr Portfolio ansieht, zieht sich das Motto „Kunst ist politisch“ fast wie ein roter Faden durch Ihre Arbeit. Würden Sie dieses Motto auch Ihren Studierenden so mitgeben?
Kunst darf nicht per se politisch gesehen werden. Kunst ist frei oder sollte frei sein. Aus Freiheit ergibt sich allerdings Verantwortung. Bei unseren Illustrationen versuchen wir, diese Verantwortung irgendwie im Hinterkopf zu behalten. Bei den Filmen oder dieser Graphic Documentary ergab sich der politische Aspekt aus den Themen. Es stellte sich eher die Frage, ob wir uns auf das Projekt einlassen oder lieber die Finger davon lassen. Bei Architektur wiederum liegt der Aspekt der Verantwortung ohnehin viel klarer auf der Hand als bei Illustration, Film oder Comic.

In der Schule wurde Ihnen zum Architekturstudium geraten. Sie haben sich dagegen entschieden. Warum?
Wenn jemand ein Haus oder eine Brücke baut, müssen diese natürlich gewissen Anforderungen entsprechen und sollten wenigstens in zehn Jahren immer noch stehen und sicher sein. Tatsächlich hatte ich davor so viel Respekt, dass ich mich eher für Illustration und Grafikdesign interessiert habe. Dort kann ich weniger Schaden anrichten, dachte ich damals. Gestalterisch und auch kunsthistorisch war das Interesse für Architektur aber immer sehr ausgeprägt bei mir.

Professor Schlecht, vielen Dank für das Interview.