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Vom Deutschkurs zum Masterabschluss Data Science

Deutsch lernen mit der Hochschule Anhalt und anschließend ein Studium absolvieren: Diesen Weg konnten Salam Alasmi und ihr Mann Mohammad Jamal Al Samara an den Hochschulstandorten Dessau und Köthen erfolgreich einschlagen. Doch bis zum Abschluss mussten die beiden einige Schwierigkeiten überwinden.

Bis 2015 lebte das Ehepaar in Syrien und Jordanien. Als Alasmi Ende 2015 in Jordanien ein dreimonatiges Studentenvisum für Europa und ein Erasmus Mundus Stipendium für die Technische Universität in Warschau erhielt, entschlossen sich die beiden Ingenieure nach Europa zu reisen. Alasmis Aufenthalt in Polen wurde jedoch kürzer als geplant, da ihr Visum nicht verlängert wurde. Sie musste ihre Studienpläne für Polen abbrechen und fuhr zu ihrem Mann und Sohn, die auf dem Weg nach Polen gerade in Deutschland waren. Statt in Polen eine neue Heimat zu finden, landete die Familie 2016 in Dessau.

Bei der Bauhaus-Stadt blieb es. Die junge Familie erhielt mehrere Monate später die dauerhafte Aufenthaltserlaubnis und bekam ein zweites Kind. Bald hatten sie den Abschluss des Deutschkurses am Landesstudienkolleg der Hochschule Anhalt in der Tasche. Mit Erfolg bewarb sich das Ehepaar für den Masterstudiengang Data Science an der Hochschule Anhalt in Köthen. Im März dieses Jahres konnten sie ihren Master erfolgreich abschließen.

Die Familie hat sich in Dessau eingelebt, die Eltern sind gut ins Berufsleben gestartet. Über die Höhepunkte ihres Studiums und was ihnen geholfen hat, in Dessau Fuß zu fassen, darüber erzählen sie in diesem Interview.

Frau Alasmi und Herr Al Samara, welche Voraussetzungen braucht man, um den Studiengang Data Science zu studieren?
Alasmi/Al Samara: Als formale Voraussetzungen für die Zulassung zum Master Data Science benötigt man in der Regel zunächst einen Studienabschluss eines in Deutschland anerkannten und akkreditierten Studienganges im Bereich Informatik, Mathematik, Statistik oder direkt ein abgeschlossenes Data Science Studium.

Da die Inhalte des Studiums häufig nur auf Deutsch unterrichtet werden, sollte man Deutschkenntnisse im Bereich der Niveaustufen DSH2 oder C1-Hochschule haben. Darüber hinaus kann die Hochschule einzelne Module auch in Englisch anbieten. Deswegen sind auch Englischkenntnisse wichtig.

Als inhaltliche Voraussetzungen sollte man während seines Studiums nicht das Interesse an Computertechnologie, Datensystemen und Programmiersprachen verlieren, sondern intensiv diese Inhalte vertiefen. Grundlagen im Bereich Mathematik, Statistik, Big Data, Datenanalyse, Datenmanagement, Datenkommunikation und Informatik sind für einen Master Data Science unabdinglich.

Wir hatten den Vorteil, dass unser Studium im Heimatland 10 Semester umfasste. Außerdem spielten unsere Arbeitserfahrungen in Syrien sowie in Jordanien im Bereich Informatik eine wichtige Rolle. Dadurch konnten wir unsere Grundlagenkenntnisse vertiefen. Da die Masterstudiengänge in Data Science häufig sehr praxisnah und projektorientiert ausgerichtet sind, war es außerdem für uns von Vorteil, dass wir uns schon während des Studiums ein gewisses Maß an eigenverantwortlichem Arbeiten angeeignet hatten.

Warum haben Sie sich für den Bereich Informationsmanagement entschieden?
Alasmi/Al Samara: Die Bedeutung von Daten nimmt im digitalen Zeitalter immer weiter zu. Big Data ist in aller Munde. Daten müssen sensibel behandelt, analysiert und ausgewertet werden.  Deshalb war dieser Studiengang für uns sehr attraktiv.

Was haben Sie alles im Studium gelernt?
Alasmi/Al Samara: Durch unseren Masterstudiengang haben wir in den Bereichen Künstliche Intelligenz (Machine Learning/ Information Retrieval), Statistische Methoden des Data Mining, Informationsvisualisierung und Visual Analytics, Daten als Ware (Datenschutz und Datenethik), Informationsmanagement usw. die neuesten Erkenntnisse aus Forschung und Entwicklung kennengelernt. Außerdem wurde das Gelernte praxisnah in zwei Projekten sowie in der Abschlussarbeit angewendet.

Gemeinsam mit unseren Kommilitonen haben wir auch an dem internationalen Studentenwettbewerb „Data-Mining-Cup 2019“ teilgenommen. Dadurch konnten wir unser theoretisches Wissen in die Praxis umsetzen und kamen zudem mit vielen Unternehmen in Kontakt.

Was war die Aufgabe des Wettbewerbes?
Alasmi: Folgendes Szenario galt als Ausgangspunkt:

Ein etablierter Lebensmittelhändler hat ein Selbstscansystem eingeführt, mit dem Kunden ihre Artikel beim Einkaufen mit einem mobilen Handscanner scannen können. Diese Art der Zahlung setzt den Einzelhändler dem Risiko aus, dass eine bestimmte Anzahl von Kunden die Betrugsmöglichkeit ausnutzt, indem sie nicht alle Artikel in ihrem Warenkorb scannen. Empirische Untersuchungen von Lieferanten haben gezeigt, dass bei etwa 5 Prozent aller Self-Scan-Transaktionen Abweichungen festgestellt werden. Die Untersuchung unterscheidet nicht zwischen tatsächlichen betrügerischen Absichten des Kunden, unbeabsichtigten Fehlern oder technischen Problemen mit Scannern.

Die Aufgabe des Wettbewerbes war wie folgt:

Um Verluste zu minimieren, hofft der Lebensmittelhändler, Betrugsfälle durch gezielte Nachkontrollen identifizieren zu können. Die Herausforderung besteht hier darin, die Anzahl der Kontrollen so gering wie möglich zu halten, um unnötige zusätzliche Kosten zu vermeiden und unschuldige Kunden nicht aufgrund falscher Anschuldigungen abzuschrecken. Gleichzeitig ist es jedoch das Ziel, so viele falsche Scans wie möglich zu identifizieren.

Ziel der teilnehmenden Teams war es, ein Modell zu erstellen, um die Scans als betrügerisch oder nicht betrügerisch zu klassifizieren. Die Klassifizierung berücksichtigt nicht, ob der Betrug absichtlich oder versehentlich begangen wurde.


Wie sah diese Lösung aus und vor allem was hat ihnen dabei geholfen?
Alasmi: Ein Data Mining-Ansatz, das heißt Verwendung von historischen Daten, um zukünftige Entscheidungen zu unterstützen.

Strategisch haben wir uns auf die Entdeckung bisher unbekannter Eigenschaften der Daten und Anwendung von ML Methoden ( Machine Learning Methods) konzentriert.

Durch Verknüpfung verschiedener Algorithmen konnten wir letztendlich unser Ziel erreichen. Bei dem Wettbewerb hat unser Team den ersten Platz in Deutschland und den vierten Platz weltweit belegt.


Wie haben Sie Ihren derzeitigen Arbeitsplatz gefunden?
Al Samara: Während der Sprachkurse habe ich zwei Praktika beim Umweltbundesamt und bei der Datel Dessau durchgeführt. Schon während des Studiums haben wir vom Familienintegrationsteam in Dessau und von Dr. Bernd Krause und unseren Professorinnen Dr. Korinna Bade und Dr. Ursula Fissgus, vom Fachbereich Informatik und Sprachen, viele Angebote erhalten. Ihnen haben wir viel zu verdanken. Neben dem Data Mining Cup gab es immer wieder die Gelegenheit, mit Firmen ins Gespräch zu kommen. So zum Beispiel auch auf der Firmenkontaktmesse der Hochschule. Unsere Masterarbeit haben wir beide bei einer Firma in Halle absolviert. Zu dieser Zeit stand bereits schon fest, dass wir nach dem Studium in Dessau arbeiten werden. Meine Frau im Referat des Oberbürgermeisters, Sachgebiet Statistik und Wahlen, und ich im Städtischen Klinikum Dessau beim IT Sicherheitsdienst.


War es schwierig, nach dem Abschluss ins Berufsleben zu starten?
Alasmi/Al Samara: Die Vielzahl an Daten nimmt beständig zu. Als Data Scientist ist man für die Auswertung der verschiedenen Datenströme verantwortlich. So ist es nicht verwunderlich, dass es aktuell kaum eine Branche gibt, in welcher man mit diesem Beruf nicht besonders stark gefragt wäre. Angefangen bei der freien Wirtschaft bis zu Behörden, Krankenhäusern, Universitäten und Forschungseinrichtungen findet man überall offene Stellen. Nach dem Studienabschluss haben wir beide unmittelbar unseren Beruf angefangen.


Und können Sie die Inhalte des Studiums aktiv anwenden?
Alasmi/Al Samara:  Zu unseren Arbeitsaufgaben gehören mehrere Schwerpunkte, die auch Gegenstand in unserem Studium waren. Beispielsweise die Programmierung, das Bearbeiten von Datenbanken sowie das Analysieren und Visualisieren von statistischen Daten, um bessere Entscheidungen zu treffen. Insofern profitieren wir ungemein von unserem Studium und können unsere Kenntnisse umsetzen.


Sie hätten auch nach München, Hamburg oder Berlin gehen können: Warum sind Sie in Dessau geblieben?
Alasmi: Das haben wir unserer Deutschlehrerin, Jean Fahrtmann-Rätz zu verdanken. Bei ihr haben wir nicht nur Deutsch gelernt. Wir haben auch unsere Freizeit mit ihr verbracht. Sie hat Wert darauf gelegt, dass wir die Stadt besser kennenlernen und uns integrieren. Dadurch haben wir das Umweltbundesamt kennengelernt, wo mein Mann ein Praktikum absolviert hat. Selbst zu Familienfeiern oder zu Weihnachten wurden wir eingeladen. So haben wir unsere jetzigen Freunde kennengelernt. Freunde von unserer Lehrerin, die seither wie eine Familie für uns sind: Sie unterstützen uns, wo es ihnen möglich ist. Auch für die Zukunft!


Gibt es da schon konkrete Pläne?
Alasmi/Al Samara: Wir können uns vorstellen, hier in Dessau unser Leben aufzubauen. In Syrien sind wir in den Häusern unserer Eltern aufgewachsen, wir selber mussten unser eigenes Haus verlassen. Für einen dauerhaften Standort Dessau wäre ein Eigenheim unser Ziel. Und wir wollen weiter studieren, Promovieren. Aber erst, wenn die Kinder etwas größer sind. Das Lernen hat für uns kein Ende, wir müssen dranbleiben.