Phaenomenologie des Risikos

 

"Risiko" ist in unserer bezifferbar gemachten Welt ein zentrales Werkzeug geworden, anhand dessen zukünftige Optionen taxierbar werden. Per definitionem ist Risiko das "Produkt der Eintrittswahrscheinlichkeit eines unerwünschten Er­eignisses und der maximalen Schadenshöhe". "Risiko" ist also nicht gleichbedeutend mit dem Begriff "Ge­fahr", mit dem man es um­gangssprachlich gleichsetzt, sondern vielmehr eine Wette auf die Zukunft: Wenn wir etwas wagen, wägen wir ab.

Im Forschungsvorhaben zur "Phänomenologie des Risikos" ­interessierte uns zunächst das Verhältnis von scheinbar exakten Zahlenwerten – Risiko wird ja in Prozenten ausgedrückt – und den zum Teil sehr unklaren Bildern von Risiken. Wir unterscheiden in unserer Untersuchung dabei zwei Arten von Risiken: plötz­liche und schleichende. Bei der Recherche zur "Phänomenologie des Risikos" fiel uns auf, dass es für Plötzliche ­Risiken (z. B. ein Flugzeugabsturz) viele überspitzt konkrete und redundante mediale Bilder gibt (z. B. Explosions-Piktogramm auf der Tagesschau-Landkarte, Fotos von qualmen­den Trümmerteilen), es für die – statistisch gesehen – wesentlich wahrschein­licheren Schleichenden Risiken (z. B. eine Herz-Kreislauf-Erkrankung ­in­folge falscher Ernährung) oft gar keine Bilder gibt. Wir vermuteten, dass genau das Fehlen solcher Bilder die schleichenden Risiken so gefährlich macht. Versuchsreihen scheinen das zu bestätigen: die persönliche Einstellung zu Risiken wird von medialen Vor-Bildern beeinflusst.

Angelehnt an Nicholas Nassim Talebs Über­legungen zur Antifragilität ("Antifragilität", Knaus 2013) beschrieben wir anschließend das "Durchleben" eines Risikos anhand eines Sechs-Phasen-­Modells. Es ist eine An­leitung zur bewussten, subjektiv je unterschiedlichen Wahrnehmung von Risiko-Situationen.

Im Sommersemester 2016 entwickelten die Studierenden im Master-Studio eine Versinnbildlichung solcher persönlicher Risiko-Profile. Unter dem Namen "Risiko-Membran" entstand ein Vergegenwärtigungsformat, durch das die Teilnehmer ihren persönlichen Umgang mit Risiken verstehen und versinnbildlichen ­können. Unsere Forschungsergebnisse fassten wir in einer Matrix zusammen, die sich zwischen den vier Polen "Known Knowns"/"Known Unknowns" und "Unknown Knowns"/"Unknown Unknowns" entfaltet und darüber hinaus Talebs "Genealogie des Incerto" integriert. Nutzbar gemacht können die Forschungsergebnisse beispielsweise in Form von Workshops (Peer-Teachings).

 

Projektleitung: Prof. Severin Wucher (Fachbereich Design, Hochschule Anhalt)