Phykonomie, das Wirtschaften mit Algen, hat in Mitteldeutschland eine zwanzigjährige Geschichte. Der 4. Mitteldeutsche Algenstammtisch (MISTA) zeigt am 5. und 6. Mai 2026 an der Hochschule Anhalt in Köthen, was in dieser Zeit bereits entstanden ist. Forschende, Unternehmen, Investor:innen und Politik kommen aber auch zusammen, um nach vorn zu schauen: Was ist in den nächsten Jahren von Mikroalgen für Mitteldeutschland zu erwarten?
Aktuelles
Phykonomie im Aufbruch: Was der 4. Mitteldeutsche Algenstammtisch zeigt
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Tagung und Ökosystem
Wer das Programm des 4. MISTA liest, sieht auf den ersten Blick eine Fachtagung. Auf den zweiten sieht er ein Ökosystem. Drei Sessions, ein Kamingespräch, ein Kochkurs mit Staatssekretär:innen, eine Poster-Party und eine Exkursion zur Produktionsanlage der PUEVIT GmbH in Dresden. Das bildet ab, wie Mikroalgen-Forschung in Mitteldeutschland funktioniert: als Zusammenspiel von Grundlagenforschung, angewandter Forschung, Produktentwicklung, Unternehmertum und Politik.
„Mitteldeutschland ist historisch und aktuell eines der Zentren der angewandten Algenforschung in Europa. Hier steht nicht nur die Hochschule Anhalt mit ihrem Kompetenzzentrum für Algenbiotechnologie. Hier steht auch die erste und eine der größten Mikroalgenfarmen Europas. Und vor allem: Hier existiert und funktioniert bereits das Rückgrat einer echten Algenwirtschaft. Von hier aus sind Impulse in die Welt gegangen – ob Algentankstelle, Vitamin B12- und Wirkstoffforschung, der Weltalgentag, der Algensommelier, selbst der Begriff der ‚Phykonomie‘ selbst, vieles, was heute international diskutiert wird, hat hier seinen Ursprung.“ Jörg Ullmann, Geschäftsführung Algenfarm Klötze GmbH & Co. KG
Das Kompetenzzentrum Algenbiotechnologie (CAB) der Hochschule Anhalt forscht seit über 20 Jahren an Mikroalgen. Zusammen mit der Algenfarm Klötze GmbH & Co. KG, einem der größten Produktionsstandorte für Mikroalgen in Europa, bildet es den Kern eines Clusters, das über die Jahre gewachsen ist. Dazu gehören Forschungspartnerschaften mit der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, der Martin-Luther-Universität Halle, der ETH Zürich und dem Max-Planck-Institut für Dynamik komplexer technischer Systeme, außerdem Industriekooperationen mit Volkswagen und der AlgaeCytes Germany GmbH. Der Stammtisch macht dieses Netzwerk sichtbar.
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Mikroalgen als Ersatz für Erdöl: Wie nah sind wir an der industriellen Nutzung? Das an der Hochschule Anhalt entwickelte Milking-Verfahren ist ein Programmpunkt des 4. Mitteldeutschen Algenstammtischs. Den aktuellen Stand erklärt dieser Artikel auf dem KlimaBlog der Hochschule Anhalt.
Drei Linien, ein Rohstoff
Das Programm zeigt, wie breit Mikroalgen-Forschung aufgestellt ist.
Medizin und Landwirtschaft//
Mikroalgen produzieren Verbindungen, die in der Natur als Schutz- und Signalmoleküle wirken. Forschende der Hochschule Anhalt untersuchen, ob sich diese Substanzen für medizinische und landwirtschaftliche Zwecke nutzen lassen. Zwei Beispiele: Algenbasierte Sulfolipide, fettähnliche Moleküle aus der Zellmembran von Algen, testen Forschende auf ihre Wirksamkeit gegen Parodontitis. Die SKW Stickstoffwerke Piesteritz prüfen, ob Algen als Grundlage für neue Düngemittel taugen. Beide Fragen zielen auf naturstoffbasierte Alternativen zu synthetischen Produkten.
Ernährung//
Mikroalgen enthalten viel Protein, relevante Fettsäuren und Vitamine. Der Weg vom Labor auf den Teller ist lang. Zwei Beiträge zeigen, wo die Forschung gerade steht: Forschende der ETH Zürich präsentieren Ergebnisse zur Verarbeitung von Mikroalgenproteinen für alternative Lebensmittel. Ein weiterer Beitrag untersucht, wie gut Vitamin B12 aus Algenbiomasse im Verdauungstrakt freigesetzt wird. Das entscheidet direkt darüber, ob Algen als Nahrungsergänzung taugen. Dazu kommt ein Format, das für eine Fachtagung ungewöhnlich ist: Beim Kochkurs „Zukunft kosten" greifen Vertreter:innen der Landespolitik selbst zum Kochlöffel. Stefanie Pötzsch, Staatssekretärin im Ministerium für Wirtschaft, Tourismus, Landwirtschaft und Forsten, und Thomas Wünsch, Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft, Energie, Klimaschutz und Umwelt, erkunden das kulinarische Potenzial von Algen - Wissenstransfer und Wissenschaftskommunikation in direkter Form.
Wertstoffe und Materialien//
Unter bestimmten Bedingungen produzieren Mikroalgen Kohlenwasserstoffe, die chemisch Erdöl ähneln. Das könnte ein Weg weg von fossilen Rohstoffen sein. Bereits seit mehreren Jahren forscht das Team um Prof. Dr. Carola Griehl an dem vielversprechenden Milking-Verfahren. Den aktuellen Stand stellt sie gemeinsam mit Dr. Christian Kleinert am 6. Mai vor. Das Projekt PHA4-Value entwickelt Bioplastik aus einer Kombination von Algen und Bakterien. Volkswagen trägt einen Beitrag zu Biomaterialien und Polymeren bei. Das Projekt Photokon untersucht, wie sich CO₂ mithilfe von Algen und Licht in Glykolat umwandeln lässt, einen Grundstoff für die chemische Industrie. Alle drei Beispiele kreisen um dieselbe Frage: Wie sieht Industrie ohne Erdöl und Kohle aus?
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Im Dezember 2025 beschloss der Landtag Sachsen-Anhalt den Bau des Mitteldeutschen Algenzentrums (MAZ) am Campus Köthen. 32 Millionen Euro fließen in Labore, Algentechnika und Pilotproduktionsanlagen. Erstmals soll die gesamte Prozesskette der Algenbiotechnologie an einem Standort abgebildet werden. Zur Pressemitteilung.
Ein Cluster in Bewegung
Das Kamingespräch am zweiten Tag trägt den Titel „Von der Innovation in den Markt – Phykonomie im Gespräch". Gründer:innen und Unternehmensvertreter:innen diskutieren über den Weg vom Forschungsergebnis zum Produkt. Jörg Ullmann von der Algenfarm Klötze GmbH & Co. KG moderiert die Frage, die hinter allen Programmpunkten steht: Wie überwindet man die Lücke zwischen dem, was im Labor funktioniert, und dem, was sich am Markt trägt?
„Der Mitteldeutsche Algenstammtisch bringt Wissenschaft, Wirtschaft, Start-ups, Politik, Kreative und Multiplikatoren zusammen – so dicht, so lebendig, so wirksam, wie ich es sonst kaum erlebe. Dieser Kongress ist so vielfältig wie die Welt der Algen selbst. In einer Zeit, in der etablierte Industrien unter Druck geraten, geopolitische Spannungen zunehmen und die Klimakrise uns zum Handeln zwingt, stellt sich die entscheidende Frage: Wie gestalten wir Zukunft – auch wirtschaftlich – neu? Ich bin überzeugt: Ein Teil der Antwort liegt hier. In einer nachhaltigen Algenwirtschaft, die wir nicht nur denken, sondern bereits aufbauen“, so Jörg Ullmann, der die Tagung am 5. Mai gemeinsam mit Prof. Dr. Carola Griehl eröffnet.
Im Dezember 2025 beschloss der Landtag Sachsen-Anhalt den Bau des Mitteldeutschen Algenzentrums (MAZ) am Campus Köthen. 32 Millionen Euro fließen in Labore, Algentechnika und Pilotproduktionsanlagen. Erstmals soll die gesamte Prozesskette der Algenbiotechnologie an einem Standort abgebildet werden. Das MAZ schafft die Voraussetzungen, die dem Cluster bisher noch fehlen. Wie bereits die vergangenen Mitteldeutschen Algenstammtische sollen auch die Diskussionen am 5. und 6. Mai wichtige Impulse für die Ziele des MAZ geben.
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Prof. Dr. Carola Griehl und Jörg Ullmann führten bereits gemeinsam durch den 3. Mitteldeutschen Algenstammtisch 2024. Sie verbindet eine lange Forschungskooperation über viele Projekte zum Thema Mikroalgen.
Teilnahme und Anmeldung
Der 4. Mitteldeutsche Algenstammtisch findet am 5. und 6. Mai 2026 an der Hochschule Anhalt in Köthen statt. Die Teilnahme ist kostenfrei. Für die Abendveranstaltung am ersten Tag werden 30 Euro erhoben.
Anmeldung und Programm: www.hs-anhalt.de/mista
Rückblick: zum 3. Mitteldeutschen Algenstammtisch auf dem KlimaBlog der Hochschule Anhalt
Claudia Aldinger
5. und 6. Mai 2026
Mitteldeutscher Algenstammtisch
Anmeldung und Programm unter www.hs-anhalt.de/mista
Veranstalter & Tagungsleitung
Prof. Dr. Carola Griehl, Hochschule Anhalt, Leiterin Kompetenzzentrum Algenbiotechnologie (CAB)
Jörg Ullmann, Geschäftsführer Algenfarm Klötze GmbH & Co. KG
Die Konferenz ist Teil der Festwoche zu “100 Jahre Grünes Gebäude der Hochschule Anhalt".
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