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Pilzmyzel als Werkstoff: Was eine Mycothek Unternehmen zukünftig zeigt

  • Ein Mann hält ein Glas mit einer gelben Flüssigkeit hoch und präsentiert es vor einer Leinwand mit einer anatomischen Zeichnung des menschlichen Verdauungssystems. Dr. Marc Rüger von der Hochschule Anhalt zur Erklärung, wie aus Pilzmyzel Werkstoffe entstehen. © Stiftung Bauhaus | Alexandra Huth
    „Innovative Myzelmaterialien aus Nebenströmen": Dr. Marc Rüger stellt das Projekt “InMyco” der Hochschule Anhalt vor.

Auf dem Tisch liegen Würfel und Platten aus einem ungewöhnlichen Material. Einige riechen nach feuchtem Wald, andere nach frischen Champignons. Wer genau hinsieht, erkennt ein feines weißes Geflecht, das die Proben durchzieht: Pilzmyzel, das Wurzelgeflecht von Pilzen. Für die Industrie ist es schon jetzt eine interessante Alternative zu herkömmlichen Werkstoffen. Für seine Etablierung braucht es noch mehr Forschung. 

Am 19. Juni 2026 konnten Besucher:innen im Kaufhaus Zeeck die Welt des Pilzmyzels erleben: riechen, anfassen, fragen. Eingeladen hatte die Freitagsgruppe „Abfall + Ressource" der Stiftung Bauhaus Dessau zum Vortrag „Innovative Myzelmaterialien aus Nebenströmen". Dr. Marc Rüger von der Hochschule Anhalt in Köthen stellte dort das Forschungsprojekt InMyco vor, kurz für „Innovative Mycolab / Mycothek". Unterstützt wurde er dabei von Abhilash Konda.

Was ist eine Mycothek?

Eine Mycothek ist eine Materialbibliothek. Sie sammelt Werkstoffproben aus Myzel. Im Projekt InMyco bauen zwei Arbeitsgruppen der Hochschule Anhalt diese Sammlung gemeinsam auf: die Arbeitsgruppe Angewandte Biotechnologie (Prof. Dr. Jana Rödig) und die Materiability Research Group (Prof. Dr. Manuel Kretzer) aus dem Designbereich. Die Biotechnologie liefert das Wissen über die Pilzkulturen und optimiert die Anzucht unter Anwendung verschiedenster Substrate. Das Design prüft, wie sich die Materialien bearbeiten und gestalten lassen.

Als Rohstoff dienen Nebenströme : Reste aus der Land- und Forstwirtschaft, Prozessindustrie sowie aus dem Gewerbe, die sonst kaum genutzt werden. Stroh, Pflanzenreste, Sägemehl, Presskuchen, Kaffeesatz, Treber und ähnliche Reststoffe aus Sachsen-Anhalt bilden die Nährgrundlage für die Pilzkulturen. Das Myzel durchwächst das Material wie ein feines Netz aus Fäden und verbindet es zu einem festen, formbaren Werkstoff. Es kann in alle denkbaren Formen wachsen. Je nach Pilzart und Nährboden entstehen unterschiedliche Eigenschaften: leicht und dämmend oder stabil und belastbar. Wie gut das funktioniert, hat die Materiability Research Group bereits an einer Transportbox für Lastenfahrräder gezeigt. Die „Myzel Bike Box“ ist biologisch abbaubar, wasserabweisend beschichtet und durch ihren modularen Aufbau besonders ressourcenschonend konzipiert. 

Pilzmyzel als Werkstoff: Anwendungsbereiche für Unternehmen

Das Beispiel zeigt, wie Unternehmen diese Materialien bereits heute einsetzen können. „Myzelwerkstoffe eignen sich nicht nur für Verpackungen und Dämmstoffe, sondern auch für größere Werkstücke und Designobjekte. Sie wachsen aus regionalen Reststoffen, lassen sich einfach herstellen und binden CO2“, sagt Dr. Marc Rüger. Dass sie biologisch abbaubar sind, mache sie zu einer Alternative für Kunststoffe oder Styropor, besonders bei Einwegprodukten oder kurzlebigen Bauteilen.

Gespräch mit der Stiftungsdirektorin

Im Anschluss an den Vortrag folgte eine Gesprächsrunde mit der Stiftungsdirektorin Dr. Barbara Steiner. Sie diskutierten, wie sich Forschung und Designpraxis stärker verzahnen lassen. Ein weiteres Thema war die breite Anwendung von alternativen Werkstoffen, besser gesagt Baustoffen aus recycelten Materialien: Wie lässt sich die Akzeptanz neuer Materialien in der Fertigung und beim Konsumenten  weiter fördern – zum Beispiel durch Vorträge und Ausstellungen, Workshops wie im Kaufhaus Zeeck? Woran muss weiter geforscht werden, um mehr Produkte auf der Basis von Pilzmyzel herzustellen?

Myzel zum Anfassen: Ausstellung im Kaufhaus Zeeck

Wer die Materialproben aus dem Vortrag von Dr. Marc Rüger und Abhilash Konda  verpasst hat, kann das noch nachholen: Im Kaufhaus Zeeck hat das Projekt InMyco eine Ausstellung mit Exponaten aus Myzelmaterialien aufgebaut. Sie macht sichtbar, was sonst meist nur im Labor zu sehen ist: wie aus Reststoffen ein neuer Werkstoff entsteht, der sich je nach Wachstum wie Leder, Schaumstoff oder Holz anfühlt. Aufgebaut wurden die Ausstellungsstücke von Anna Gronemeyer, Sofia Stateczny und Louis Möckel.

Ausblick

Auch die Mycothek soll der Idee der direkten Materialerfahrung dienen – mit konkreten Proben zum Anfassen und Riechen. Darüber hinaus soll sie virtuell erlebbar gemacht werden. Insbesondere Unternehmen in Sachsen-Anhalt soll sie den Zugang zu alternativen Materialoptionen ermöglichen. Das schafft eine greifbare Grundlage für die Frage, ob und wie sich Myzelwerkstoffe in eigene Produkte integrieren und bestenfalls neue Wertschöpfungsketten aufbauen lassen.

Programm und Rahmen des Vortrags, das die Stiftung Bauhaus im Kaufhaus Zeeck initiiert hat: https://bauhaus-dessau.de/veranstaltungen/freitagsgruppe-abfall-ressource/?dt=202606191800

Auch im August und September hat das Bauhaus Veranstaltungen zur Ausstellung „Algen|Schutt|CO2“ geplant: https://bauhaus-dessau.de/ausstellungen/algen-schutt-co2/

Das Projekt „Innovative Mycolab-Mycothek (InMyco)“ wird von der Europäischen Union und dem Land Sachsen-Anhalt seit dem 31.7.2024 und noch bis zum 31.12.2027 gefördert: https://www.hs-anhalt.de/projekte/projekt/innovative-mycolab-mycothek-inmyco-prof-dr-jana-roedig.html

Redaktion

Claudia Aldinger

Dr. Marc Rüger

... ist für Nachfragen und Anfragen erreichbar unter Tel.: +49 Tel.: +49 (0) 3496 67 2614 oder per E-Mail: marc.rueger(at)hs-anhalt.de.

Auch im August und September hat die Stiftung Bauhaus Veranstaltungen zur Ausstellung „Algen|Schutt|CO2“ geplant: https://bauhaus-dessau.de/ausstellungen/algen-schutt-co2/

 

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