Der Klimawandel und die intensive Landnutzung setzen Ökosystemen stark zu. Was hilft gegen den Artenverlust? Das Forschungsteam im DFG-Projekt AgriRestore der Hochschule Anhalt untersucht, welche Maßnahmen landwirtschaftlich genutzte Lebensräume wiederbeleben und stärken. Im Interview erklärt Projektleiterin Prof. Dr. Christina Fischer, warum dafür ein ganzheitlicher, interdisziplinärer Ansatz und die Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) wichtig sind.
Aktuelles
Blühstreifen: Mit Forschung zu mehr Akzeptanz
-
© HS Anhalt | Annika Schmidt
![]()
Darin würde der Erfolg des Projekts liegen: sagen zu können, wie sich ein Ökosystem langfristig über Biodiversitätsmaßnahmen verbessert, sodass auch die Erträge abgesichert sind.
Prof. Dr. Christina Fischer
Frau Prof. Fischer, das Projekt AgriRestore ist im April 2024 gestartet. Welche konkreten Untersuchungen gab es bislang?
In 2024 haben wir Biodiversitätseffekte in Blühstreifen, als eine häufig genutzte Renaturierungmaßnahme in Agrarlandschaften, untersucht und mit herkömmlichen Ackerrandstreifen verglichen. Weiterhin haben wir unsere Untersuchungen in unterschiedlichen Abständen vom Feldrand durchgeführt. Wir haben Bodenproben genommen, um die Bakterien und Pilze zu analysieren. Wir haben Vegetationsaufnahmen durchgeführt, um die Pflanzenarten mit den Bodenbedingungen in Zusammenhang zu bringen und den Etablierungserfolg der Pflanzen in den Blühstreifen sowie die Beikräuter im Feld zu untersuchen.
Mithilfe von Fängen haben wir untersucht, welche Bestäuber im Blühstreifen als auch in unterschiedlichen Distanzen zum Acker vorkommen. Weiterhin haben wir die Schädlinge und ihre Gegenspieler im Acker erfasst, speziell Blattläuse und Marienkäfer, Marienkäferlarven und Florfliegen.
Außerdem haben wir Mauslöcher im Acker und in den Blühstreifen gezählt sowie die Schäden durch Mäuse an der Kultur aufgenommen. Dazu haben wir uns im Getreide angeschaut, wie viele Halme angefressen worden sind. Und wir haben mit Fernerkundung die Ackerschläge kartiert, also Luftbilder aufgenommen.
Sind das bereits die wichtigsten Faktoren, die bei AgriRestore eine Rolle spielen?
Sie sind ein wichtiger Ausschnitt. Es geht uns zum einen um einen ganzheitlichen Blick auf Agrarökosysteme über verschiedene räumliche und zeitliche Skalen hinweg. Wir wollen eine Methodik entwickeln, um die Schlüsselfaktoren für Renaturierungseffekte, aber auch landwirtschaftliche Erträge zu ermitteln. Daraus lassen sich Maßnahmen für ein zukünftiges Flächenmanagement ableiten. Dazu werden wir in einer späteren Projektphase auch noch die Effekte von Gehölzstrukturen untersuchen. Ab 2027 untersuchen wir neben dem Ackerbau die Effekte von aufgewertetem Grünland auf die Biodiversität.
Weiterhin stellt die Klimaanpassung ein wichtiges Thema in unserem Forschungsprojekt dar. In einem kontrollierten Feldexperiment, welches wir auf unserem Campus der Hochschule Anhalt in Bernburg angelegt haben, untersuchen wir verschiedene Blühmischungen, die klimaangepasst sind, weil immer mehr Landwirte mit Trockenheit und höheren Temperaturen zu kämpfen haben.
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert den ganzheitlichen Ansatz von AgriRestore: Sind Blühstreifen als Biodiversitätsmaßnahmen immer noch eine Blackbox?
In vielen Punkten ist das so. Zumindest wissen wir noch zu wenig über das Zusammenspiel der unterschiedlichen Effekte.
Für Ihre Untersuchungen arbeiten Sie mit Landwirtinnen und Landwirten zusammen, die in den vergangenen Jahren auf Blühstreifen gesetzt haben. Wie viele konnten Sie bereits gewinnen?
Im vergangenen Jahr standen uns 12 Flächen von landwirtschaftlichen Betrieben zur Verfügung. Im kommenden Jahr werden es 20 sein – alle in Sachsen-Anhalt.
Mit mehr als 10 Projektangehörigen und 9 beteiligten Professor:innen der Hochschule Anhalt leiten Sie ein großes Team. Was ist dabei wichtig?
Ich habe eine ganz tolle Koordinatorin, die die meisten der koordinatorischen Aufgaben in enger Absprache mit mir übernimmt. Der Schlüssel für eine erfolgreiche Zusammenarbeit ist solide Kommunikation. Wir haben unterschiedliche Kommunikationskanäle etabliert, die Doktoranden und Postdocs haben regelmäßige Treffen. Weiterhin trifft sich das gesamte Konsortium jedes halbe Jahr, und es gibt bei Bedarf Treffen der einzelnen Arbeitsgruppen und der Projektleitenden.
Projekttreffen im Februar 2025: Im interdisziplinären Team von AgriRestore forschen mehr als zehn Doktorand:innen und Postdocs sowie neun Professor:innen. Foto: Renate Geue | HS Anhalt.
Ihr Forschungsfokus ist seit vielen Jahren die Agrarökologie. Was hat sich über die Jahre in dieser Disziplin geändert?
Aufgrund der Biodiversitätskrise befassen sich immer mehr Arbeitsgruppen europaweit mit dem Thema und sind gut vernetzt. Mit einigen tausche ich mich regelmäßig aus. Geändert hat sich, dass es weniger um Einzelstudien geht und mehr um die Komplexität des Themas, ähnlich wie wir es in AgriRestore angehen. Das ist auch durch neue technische Möglichkeiten wie digitale Erfassungsmethoden und Künstliche Intelligenz möglich. Ich bin froh, dass wir Datenwissenschaftler:innen an Bord haben, die an der Auswertung und Synthese der vielen Daten beteiligt sind.
Und denken Sie, dass dieses Mehr an Wissen zu Biodiversitätsmaßnahmen auch zur mehr Akzeptanz in der Praxis beitragen kann?
Definitiv. Ja. Man muss dem Landwirt erklären, warum er ein Stück Land abtreten soll, um dann Blühstreifen anzulegen. Und auch den nächsten Schritt: Wo lege ich den Blühstreifen am besten an und wie? Was hilft den Bestäubern wirklich – zum Beispiel zur Vernetzung in der Landschaft, damit die Insekten sicher von A nach B kommen und nicht in der großen Agrarwüste verloren gehen.
Darin würde der Erfolg des Projekts liegen: sagen zu können, wie sich ein Ökosystem langfristig über Biodiversitätsmaßnahmen verbessert, sodass auch die Erträge abgesichert sind. Und das trotz abnehmender Niederschläge und höherer Temperaturen. Ein wichtiges Ergebnis wäre zudem die Entwicklung von praxisnahen Methoden der Fernerkundung, um den Zustand von Feldern aus der Ferne zu überwachen und gezielt Maßnahmen zur Verbesserung der Erträge oder Förderung der Biodiversität zu ergreifen. Das sind große Ziele, aber erfreulicherweise können wir uns Dank der Förderung durch die DFG von 5 Jahren bis 2029 mit diesen Themen beschäftigen.
Prof. Dr. Christina Fischer...
ist seit 2021 Professorin für Faunistik und Artenschutz an der Hochschule Anhalt in Bernburg. Zuvor war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Salzburg, der TU München und dem Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (2010-2020). Ihre Promotion absolvierte sie an der Georg-August-Universität Göttingen (2007-2010). Das Biologiestudium mit den Schwerpunkten Ökologie, Zoologie und medizinische Mikrobiologie schloss sie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena ab (2000–2007).
In ihrer Forschung untersucht sie, welche Prozesse und Muster das Vorkommen und die Funktionen von Wirbeltieren und wirbellosen Tieren in Agrarlandschaften bestimmen. Ein Schwerpunkt liegt auf der Weiterentwicklung von Naturschutzmaßnahmen zur Förderung der Biodiversität in Kulturlandschaften. Zudem erforscht sie, wie sich Landnutzungsänderungen auf das Verhalten, die Bewegung und die Wiederbesiedlung von Tierarten auswirken. Ihre Arbeit verbindet Ansätze aus der Agrarökologie und Movement Ecology und befasst sich mit Themen wie Agrarumweltmaßnahmen und Samenprädation, das heißt dem Verzehr von Pflanzensamen durch Tiere, was die natürliche Verbreitung und Keimung von Pflanzen beeinflussen kann.
Mehr Details auf ihrer persönlichen Seite.
Das Projekt AgriRestore in Kürze:
Das Forschungsprojekt AgriRestore untersucht, wie Maßnahmen zur Wiederherstellung von Ökosystemen die Biodiversität und Klimaresilienz in Agrarlandschaften verbessern können. In Sachsen-Anhalt werden dazu Feld- und Mesokosmos-Experimente kombiniert sowie Fernerkundungstechniken genutzt, um räumliche Muster zu analysieren. Meta-Analysen und Wissensgraphen helfen, bestehende Studien zu synthetisieren und Risiken sowie Erfolgsfaktoren von Renaturierungsmaßnahmen zu bewerten. Ziel ist es, Schlüsselindikatoren für widerstandsfähige Agrarökosysteme abzuleiten und ihre langfristige Wirkung zu verstehen. Das von der DFG geförderte Projekt läuft von 2024 bis 2029.
... ist für Nachfragen und Anfragen erreichbar unter Tel.: +49 (0) 3471 355 1197 oder per E-Mail: christina.fischer(at)hs-anhalt.de
... aktuelle Publikation: Challenges and opportunities when studying movement ecology in science and practical conservation / Fischer, Christina. - Enthalten in: Basic and applied ecology, Bd. 81 (2024), S.59-65.
... mehr über ihre Themen und Aufgaben an der Hochschule Anhalt am Ende des Interviews.
Titelbild: Annika Schmidt | HS Anhalt.