Können konventionell bewirtschaftete Äcker Lebensraum für Artenvielfalt sein? Eine zwölfjährige Studie liefert überraschende Antworten und zeigt, welche Maßnahmen wirken. Fragen an Prof. Dr. Christian Schmid-Egger, Honorarprofessor für Taxonomie und Ökologie von Bestäuberinsekten an der Hochschule Anhalt.
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Wildbienen in der Agrarlandschaft: Unterschätztes Potenzial für Biodiversität
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© Agustin/Stock.Adobe.de
Herr Prof. Schmid-Egger, Sie haben zwölf Jahre lang Wildbienen auf fünf landwirtschaftlichen Betrieben in Deutschland untersucht. Was hat Sie am meisten überrascht?
Die Artenzahlen in Ostdeutschland. In Quellendorf in Sachsen-Anhalt haben wir 201 Wildbienenarten nachgewiesen, in Weißensee 173 und in Trebbin 168 Arten. Der Anteil gefährdeter Rote-Liste-Arten lag bei 21 bis 24 Prozent. Das hatte auf konventionell bewirtschafteten Ackerflächen niemand erwartet. Die Bienen leben nicht in den Kulturen selbst, sondern in einem Netzwerk aus Blühflächen, Brachen, Wegrändern und Böschungen. Diese kleinflächigen Habitate wurden bisher deutlich unterschätzt.
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Die Bienen leben nicht in den Kulturen selbst, sondern in einem Netzwerk aus Blühflächen, Brachen, Wegrändern und Böschungen.
Prof. Dr. Christian Schmid-Egger
Wo funktioniert Biodiversitätsförderung und wo nicht?
Die Größe und Struktur der Landschaft spielt eine entscheidende Rolle. Die ostdeutschen Betriebe mit 4.000 bis 10.600 Hektar bieten genug Raum für Strukturvielfalt. Der Betrieb im Münsterland mit nur 50 Hektar kam dagegen auf 43 Arten – ohne eine einzige gefährdete Art. Kleinräumigkeit und intensive Flächennutzung lassen kaum Spielraum.
Besonders wirkungsvoll sind mehrjährige Blühflächen aus einheimischen Wildkräutern. Die Artenzahlen steigen in den ersten vier bis fünf Jahren auf 25 bis 35 Arten pro Jahr – manchmal sogar bis 79. Voraussetzung: Die Flächen bleiben blütenreich. Bei Vergrasung sinken die Zahlen sofort.
Welche Rolle spielt der Klimawandel für Wildbienen?
Er ist Treiber und Bedrohung zugleich. Viele Arten stoßen nach Norden vor und besiedeln kleinflächige Habitate, die früher nicht erreichbar schienen. Wir haben beobachtet, dass Wildbienen stark isolierte Flächen über große Distanzen gezielt anfliegen und sich dort reproduzieren. Diese Fähigkeit war bisher unbekannt.
Aber: Die trockenen Jahre 2018 bis 2020 haben die Bestände deutlich reduziert. Auch 2024 mit seinem feucht-kühlen Wetter wirkte sich negativ aus. Der Klimawandel könnte langfristig problematisch werden.
Informationen | Kontakt
Die vollständige Studie: Schmid-Egger, C. (2025): Überraschende Artenvielfalt von Wildbienen und Wespen in der Agrarlandschaft – Zusammenfassende Ergebnisse aus zwölf Jahren bundesweitem Monitoring. Ampulex 16: 1-60: http://www.ampulex.de/images/ampu16.pdf
Kontakt: Prof. Dr. Christian Schmid-Egger lehrt an der Hochschule Anhalt in den Studiengängen Naturschutz und Landschaftsplanung, Landschaftsarchitektur und Umweltplanung sowie Landwirtschaft. Er hat über 150 neue Wespen- und Bienenarten beschrieben und gilt als international bekannter Spezialist für Stechimmen.
Claudia Aldinger
Prof. Dr. Christian Schmid-Egger... ist für Nachfragen und Anfragen erreichbar unter der E-Mail: christian.schmid-egger(at)hs-anhalt.de
... aktuelle Publikationen und Projekte auf seiner persönlichen Seite.
… direkter Link zur Publikation “Überraschende Artenvielfalt von Wildbienen und Wespen in der Agrarlandschaft – Zusammenfassende Ergebnisse aus zwölf Jahren bundesweitem Monitoring”, erschienen in Ampulex 16: 1-60: http://www.ampulex.de/images/ampu16.pdf