Projekt

Prof. Dr. Annett Baasch Forschungsprojekt

Untersuchungen und Wissenstransfer zum nachhaltigen Umgang mit dem Eichenprozessionsspinner in periurbanen und ländlichen Gebieten

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Hintergrund und Motivation

Der Eichenprozessionsspinner (Thaumetopoea processionea, EPS) ist eine einheimische Nachtfalterart, die in Deutschland und anderen mitteleuropäischen Ländern zunehmend als Schädling an Bedeutung erlangt. In den letzten Jahrzehnten wurde eine deutliche Zunahme der Populationsdichten sowie eine Ausweitung der Befallsgebiete beobachtet. Für den Menschen stellt der EPS zudem eine ernstzunehmende Gesundheitsgefahr dar. Die Raupen bilden Brennhaare aus, die bei Kontakt mit der Haut oder den Schleimhäuten allergische Reaktionen hervorrufen können. Insbesondere in urbanen Bereichen, in Siedlungsnähe und in touristisch genutzten Landschaften ist ein starkes Auftreten des Eichenprozessionsspinners von besonderer Relevanz. Hier wird der EPS unmittelbar von der Bevölkerung wahrgenommen und als störend oder gesundheitsgefährdend empfunden. 

Die derzeit eingesetzten konventionellen Bekämpfungsmaßnahmen, insbesondere das mechanische Entfernen von EPS-Nestern durch Absaugen oder der Einsatz von Bioziden, sind kostenintensiv und können zugleich Auswirkungen auf andere Organismen haben. So können beispielsweise beim Entfernen alter Nester auch Populationen wichtiger Gegenspieler des EPS beeinträchtigt werden. Dazu zählt unter anderem die Raupenfliege Carcelia iliaca, die in den Gespinstnestern überwintert. Vor diesem Hintergrund ist es sinnvoll, alternativ oder zusätzlich andere nachhaltige Bekämpfungsmethoden einzusetzen. Dazu zählen insbesondere Maßnahmen zur Stärkung der natürlichen Feinde des Eichenprozessionsspinners. 

Seit 2021 hat die Hochschule Anhalt zwei Forschungsprojekte durchgeführt, die sich mit der Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners im Biosphärenreservat Drömling beschäftigt haben. Diese Projekte lieferten wichtige Erkenntnisse zur Wirksamkeit biologischer Bekämpfungsmethoden, zur Bedeutung von Umgebungsstrukturen für die Entwicklung der EPS-Populationen sowie zum Vorkommen von weiteren natürlichen Gegenspielern des EPS.

Ziele und Inhalte

Das aktuelle Projekt knüpft an die in den beiden Vorgängerprojekten erzielten Ergebnisse an. Im Mittelpunkt stehen sowohl die identifizierten Wissenslücken zu den natürlichen Antagonisten des EPS als auch die Frage nach der Übertragbarkeit der bisherigen Ergebnisse auf andere Regionen und Wissenstransfer.

Übergeordnetes Ziel des Projektes ist es, Beiträge für einen nachhaltigeren Umgang mit dem Eichenprozessionsspinner in peri-urbanen und ländlichen Gebieten und somit zum Schutz von Umwelt und Bevölkerung zu leisten.

Im Einzelnen werden im Projekt folgende Ziele verfolgt:

  • Mit Hilfe innovativer, KI-gestützter Methoden soll das Wissen über die natürlichen Feinde des EPS erweitert werden.

  • Die Übertragbarkeit der bisherigen Ergebnisse zu präventiven Bekämpfungsmethoden auf andere Regionen soll geprüft und bewertet werden.

  • Durch gezielten Wissenstransfer soll ein wichtiger Beitrag zur verstärkten Anwendung nachhaltiger Bekämpfungsmethoden sowie zur Förderung von Umweltbewusstsein und Wissenskompetenz geleistet werden.

Im Rahmen des Projektes werden insbesondere die Untersuchungen zur Wirksamkeit gezielter Fördermaßnahmen für Brutvögel fortgeführt und erweitert. Die bisherigen Untersuchungen im UNESCO-Biosphärenreservat Drömling haben gezeigt, dass raupenfressende Vogelarten, vor allem die Kohlmeise, maßgeblich zur Reduktion des EPS-Befalls beitragen können. 

Bislang konnte vorwiegend das Fütterungsverhalten von Kohlmeisen näher untersucht werden. Im Rahmen des aktuellen Projektes soll nun mit Hilfe einer KI-basierten Bildanalyse ermittelt werden, welche weiteren höhlenbrütenden Vogelarten neben der Kohlmeise regelmäßig EPS-Larven verfüttern und in welchem Umfang dies geschieht. Dafür werden Kamerafallen an Nistkästen installiert, um die von den einfliegenden Elterntieren eingetragenen Nahrungsobjekte zu dokumentieren. Ziel ist es, ein künstliches neuronales Netzwerk so zu trainieren, dass es EPS-Raupen im Schnabel der Vögel zuverlässig erkennen und identifizieren kann. 

Aufgrund der Bedeutung von Brutvögeln als Prädatoren des EPS werden sowohl im BR Drömling als auch im peri-urbanen Raum der Stadt Dessau-Roßlau gezielte Fördermaßnahmen für Brutvögel umgesetzt. Das Aufhängen von Nistkästen stellt dabei ein geeignetes zusätzliches Angebot zu den natürlicherweise vorhandenen Nistmöglichkeiten dar und kann dazu beitragen, die Anzahl der Brutpaare zu erhöhen. Da die Raupen des EPS von verschiedenen Vogelarten an ihre Bruten verfüttert werden, kann diese präventive Maßnahme dazu beitragen, die EPS-Population zu reduzieren. Die bereits im UNESCO-Biosphärenreservat Drömling durchgeführten Maßnahmen und Untersuchungen bieten eine geeignete Grundlage, um langfristige Effekte biologischer Bekämpfungsmethoden auf die EPS-Population zu untersuchen. Durch die Umsetzung entsprechender Fördermaßnahmen für die Brutvögel in der neuen Gebietskulisse im Raum Dessau-Roßlau soll zugleich die Übertragbarkeit der bisherigen Erkenntnisse auf andere Regionen geprüft werden.

Neben den Vögeln zählen auch verschiedene Artengruppen innerhalb der Klasse der Insekten zu den natürlichen Antagonisten des EPS. Ausgehend von der verfügbaren wissenschaftlichen Literatur ist das Wissen über nachgewiesene antagonistische Insektenarten, die als Prädatoren, Parasiten oder Parasitoide auf unterschiedliche Entwicklungsstadien des EPS einwirken, jedoch noch sehr lückenhaft. Im Rahmen des Projektes soll daher durch die gezielte Beobachtung von Kolonie- und Gespinstnestern des EPS ermittelt werden, welche Antagonisten oder Antagonistengruppen in den Untersuchungsgebieten vorkommen. 

Ein weiterer wichtiger Bestandteil des Projektes ist der Wissenstransfer, um die gewonnenen Ergebnisse und Erfahrungen zu verbreiten und die Anwendung alternativer, naturnaher EPS-Managementmethoden in der Praxis zu fördern. Geplant ist es, die Ergebnisse in Fachzeitschriften zu veröffentlichen. Darüber hinaus ist die Durchführung eines Workshops zum fachlichen Austausch und zum Wissenstransfer zwischen verschiedenen Akteuren vorgesehen. 

Weiterführende Informationen zu einem wichtigen Antagonisten des EPS:

Alle Pressemitteilungen | Hochschule Anhalt (Pressemitteilung vom 10.07.2026 [Suchtitel: Eichenprozessionsspinner])

 

Projektleitung:

Prof. Dr. Annett Baasch

Informationen zu weiteren Forschungsprojekten unter der Leitung von Prof. Dr. Annett Baasch finden Sie hier.

 

Förderzeitraum: 05/2025 – 12/2026

Fördermittelgeber: Ministerium für Wissenschaft, Energie, Klimaschutz und Umwelt des Landes Sachsen-Anhalt

 

Kooperationspartner

Weitere Unterstützung vor Ort:

  • Drömlings-Gemeinden: Hansestadt Gardelegen, Klötze, Oebisfelde-Weferlingen
  • Tiefbauamt Dessau-Roßlau, Stadtpflege Dessau-Roßlau 
  • Untere Naturschutzbehörde Landkreis Anhalt-Bitterfeld, Stadt Raghun-Jeßnitz, Stadt Südliches Anhalt
  • Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft Sachsen-Anhalt (LHW), Flussbereich Wittenberg

Betreuer/in
Porträtfoto von Annett Baasch

Mittelgeber, Förderer

MWU (Ministerium für Wissenschaft, Energie, Klimaschutz und Umwelt des Landes Sachsen-Anhalt)