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Biodiversität: Wie gestalten wir Kulturen des Zusammenlebens?

  • Foto zeigt lilafarbenes Heidekraut in der Oranienbaumer Heide © HS Anhalt

Das Wissenschaftsjahr 2022 war ein sogenannter Ideenlauf: Bürgerinnen und Bürger konnten Fragen an Forschende stellen. Im sogenannten Zukunftsraum 04 "Beziehung des Menschen zur Natur" lautet eine dieser Fragen: Wie gestalten wir Kulturen des Zusammenlebens? Wir haben sie für ein Interview auf dem Klimablog der Hochschule Anhalt an Sandra Dullau weitergegeben:

"Wie gestalten wir Kulturen des Zusammenlebens?" – Die Frage deutet an, dass es zwischen Mensch und Natur momentan keine Kultur des Zusammenlebens gibt, zumindest keine gute. Würden Sie das auch so sehen, Frau Dullau?

Der Natur würde gefallen, wenn der Einfluss des Menschen so gering wie möglich ist – eine Vorstellung, die heute nicht mehr realisierbar scheint. Die Auswirkungen menschlichen Handelns sind so mächtig, dass selbst scheinbar unberührte Natur seine Spuren sehr deutlich trägt. Von daher gilt es den Impact zu verringern und dort, wo der Mensch Ressourcen nutzt, weniger drastische Spuren zu hinterlassen. Eine Kultur des Zusammenlebens bedeutet für mich, Natur nachhaltig zu nutzen, zerstörte Lebensräume wiederherzustellen und die Funktionen des Naturhaushaltes zu erhalten oder wiederzubeleben. Dafür steht uns schon viel Wissen zur Verfügung – das in die breite Anwendung zu bringen, würde die Kultur des Zusammenlebens, die Werte erschafft und deren Grundlage erhält, zumindest verbessern. Als Beispiel können dafür ganz wunderbar sehr strukturreiche, divers genutzte Kulturlandschaften dienen.

Dass sich der Verlust der Biodiversität auf unser Leben auswirkt, zeigt sich inzwischen an vielen konkreten Fällen. Welcher Fall hat Sie zuletzt aufhorchen lassen?

Es war kein konkreter Fall, sondern der Zustand von Landschaften, wie ich sie kürzlich in Ungarn erlebte. Nachhaltig beeindruckt haben mich die extreme Strukturarmut, die hohe Landnutzungsintensität und der unglaublich hohe Anteil gebietsfremder Gehölze. Aber auch das Vordringen der aus Nordamerika stammenden Seidenpflanze, die mit der zunehmenden Trockenheit sehr gut zurechtkommt, oder der Hundszahn, eine ebenfalls aus Nordamerika stammendes Grasart. Beide Arten verändern die Zusammensetzung wertvoller Grünlandgesellschaften hin zu artenarmen Dominanzbeständen. Dem entgegen wirken engagierte Mitarbeiter der Verwaltungen von Schutzgebieten; sie wagen gemeinsam mit Wissenschaftlern und den oft nur begrenzt zur Verfügung stehenden Mitteln die Renaturierung und erzielen international wissenschaftlich anerkannte Erfolge. Ein Lichtblick, aber aufgrund des Ausmaßes der Degradierung bräuchte es das Vielfache an Fläche und Mitteln, damit Ökosysteme, ob nun Wald oder Offenland, ihre volle Funktionsfähigkeit wiedererlangen.

Aus jedem Projekt entwickelt sich etwas, kein Handeln war umsonst – auch wenn die Schaffung positiver Beispiele oft viel Kraft und Durchhaltevermögen braucht.

Sandra Dullau

Wie könnte eine Kultur des Zusammenlebens aussehen? Was müsste sie aus Ihrer Sicht umfassen?

Da es beim Zusammenleben zwischen Natur und Mensch nur einen Akteur, den Menschen, gibt, ist dieser in der Verantwortung, auf ein Höchstmaß an Nachhaltigkeit zu setzen. Funktionieren geschädigte Ökosysteme nicht mehr, gerät alles ins Wanken.

Die größte Bedeutung sehe ich in dem Erkennen des Wertes, den Natur als menschliche Lebensgrundlage hat. Hier kommt der Bildung für nachhaltige Entwicklung eine Schlüsselrolle zu, die in allen Bildungseinrichtungen noch sehr viel stärker Raum einnehmen muss. In der Wirtschaft müssten alle Entscheidungen an Nachhaltigkeitskriterien ausgerichtet werden, die zwingend auch die Auswirkungen auf die Natur berücksichtigen. Die Politik muss dafür noch viel stärker als bisher die Weichen stellen und Nachhaltigkeit belohnen. Umweltschäden bei Produkten einzupreisen, ist mir auch recht sympathisch. Für die Finanzierung des immensen Renaturierunggbedarfes wäre das außerordentlich hilfreich.

Haben Sie ein richtungsweisendes Beispiel?

Großartig finde ich die Wilden Weiden, die auf sehr großen Flächen die nachhaltige Pflege offener bis halboffener Landschaften umsetzen. Richtungsweisend dafür ist die Ganzjahresbeweidung des ehemaligen Truppenübungsplatzes in der Oranienbaumer Heide in Sachsen-Anhalt. Dort wurden auf etwa 800 ha wertvolle Lebensräume wiederhergestellt, eine Vielzahl gefährdeter und geschützter Arten befindet sich im Aufwärtstrend und nebenbei wird Fleisch produziert. Nachhaltiger geht es nicht.

Sandra Dullau auf einer der von ihr angelegten Blühwiesen. Dass und wie dadurch mehr Biodiversität und Lebensqualität geschaffen werden kann, erklärt sie regelmäßig auf ihrem LinkedIn-Profil. Bild: Maik Preißer.

Angenommen, wir schaffen mehr positive Beispiele. Welche Rolle könnten diese bei der Bewältigung globaler Herausforderungen wie dem Klimawandel und der Nahrungsmittelversorgung spielen?

Ich sehe hier vor allem zwei Effekte. Zum einen werden Menschen zum Nachahmen angeregt, entwickeln eigene Ideen und Projekte mit positiven Wirkungen oder stellen Bewirtschaftungsweisen um. Zum anderen kann bei entsprechender Öffentlichkeitsarbeit das Handeln jedes einzelnen beeinflusst werden – kaufe ich das Rindfleisch aus Argentinien oder das aus der Oranienbaumer Heide? Aus jedem Projekt entwickelt sich etwas, kein Handeln war umsonst – auch wenn die Schaffung positiver Beispiele oft viel Kraft und Durchhaltevermögen braucht.

 

Der Ideenlauf im Wissenschaftsjahr 2022:

Bürgerinnen und Bürger an Forschung zu beteiligen, ist ein festes Thema in der Wissenschaftskommunikation geworden. Citizen Science oder auch Partizipative Forschung wird viel diskutiert und an manchen Orten auch schon gelebt. Deshalb gaben das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und die Initiative "Wissenschaft im Dialog" dem Wissenschaftsjahr 2022 das Thema "Nachgefragt!". Bürgerinnen und Bürger konnten in einem sogenannten "Ideenlauf" ihre Frage an die Wissenschaft einreichen. Die Ergebnisse der Mitmachaktion stehen hier zum Download bereit: https://www.wissenschaftsjahr.de/2022/ideenlauf.html

 

Forschung und Wissenstransfer an der Hochschule Anhalt zu Biodiversität und Artenvielfalt:

Sandra Dullau vermittelt ihr Wissen jedes Jahr auf zahlreichen nationalen und internationalen Veranstaltungen und engagiert sich in verschiedenen Netzwerken. Wo genau, ist auf der Website www.offenlandinfo.de nachzulesen.

 

Sandra Dullau...

forscht und lehrt an der Hochschule Anhalt zu diesen Schwerpunkten:

  • Grünlandrenaturierung und Grünlandmanagement
  • Biodiversität in Solarparks
  • Multifunktionale Agri-Photovoltaik

Mehr dazu auf Ihrer persönlichen Seite oder auf Ihrem LinkedIn-Profil.

Redaktion

Claudia Aldinger

Sandra Dullau

... ist für Nachfragen und Anfragen erreichbar unter Tel.: +49 (0) 3471 355 1228  oder per E-Mail: sandra.dullau(at)hs-anhalt.de

... aktuelle Publikation: Effects of fertilizer levels and drought conditions on species assembly and biomass production in the restoration of a mesic temperate grassland on ex-arable land / Dullau, Sandra. - Enthalten in: Global ecology and conservation, Bd. 48 (2023), S.1-15.

... mehr über ihre Themen und Aufgaben an der Hochschule Anhalt am Ende des Interviews. Wer die Aktivitäten von Sandra Dullau verfolgen will, kann das über ihren persönlichen LinkedIn-Kanal.