Als Adea Paci vor vier Jahren aus dem Kosovo nach Deutschland kam, war für sie alles neu: die Sprache im Alltag, die Behörden, die Hochschule, und es gab niemanden, den sie kannte. Heute ist die Studentin des Studiengangs International Business Studies an der Hochschule Anhalt in Bernburg selbst Ansprechpartnerin für alle, die gerade in dieser Situation sind. Für ihre sehr guten Studienleistungen und dieses Engagement hat sie zudem den DAAD-Preis der Hochschule erhalten. Wir haben mit ihr über die Überraschung, ihren Weg nach Deutschland und ihre nächsten Ziele gesprochen.
Warst du überrascht, als du vom DAAD-Preis erfahren hast?
Sehr! Die Nachricht kam vor knapp zwei Wochen. Professorin Naumann hat mir geschrieben, ich habe aufs Handy geschaut und nur gedacht: „Was? Was ist das?" Ich konnte es wirklich nicht glauben. In dem Moment sind mir die letzten vier Jahre im Zeitraffer durch den Kopf gegangen. Ich habe gedacht: Dann bin ich wirklich auf dem richtigen Weg, und all die Umwege in meinem Leben haben sich gelohnt.
Neben sehr guten Studienleistungen zählt bei dem Preis auch das Engagement. Erzähl uns doch mal, was du machst.
Mein Engagement hat angefangen, als ich vor vier Jahren als internationale Studentin nach Deutschland kam. Alles ist neu, man kennt niemanden, und man denkt: Ich bin die Einzige, die diese Schwierigkeiten hat. Wohin gehe ich? Wen frage ich? Wie finde ich Freunde? Später habe ich verstanden, dass es anderen genauso geht. Mit Kommilitoninnen und Kommilitonen habe ich dann überlegt, wie wir Neuen helfen können, bei Studienfragen und Verwaltungsthemen, aber auch bei Visum und Ausländerbehörde.
Warum machst du das, obwohl das Studium ohnehin anstrengend ist?
Weil es mir am meisten Freude macht, neuen Studierenden das Leben am Anfang ein bisschen einfacher zu machen. Ich zeige, wo man in der Stadt hingehen kann, welche Professorin oder Professor man anschreiben sollte und wie die Systeme der Hochschule funktionieren. Bis heute schreiben mir Studierende, ob ich helfen kann. Dann sage ich immer gern Ja. Meine Freunde sagen: „Warum überrascht dich das? Du hast das schon im Kosovo gemacht." Wenn man etwas jeden Tag tut, merkt man gar nicht mehr, dass es nicht selbstverständlich ist.
Hat das mit deiner Herkunft zu tun?
Ich glaube schon. In meiner Nachbarschaft lebten viele ältere Menschen, die niemanden hatten. Wenn eine alte Dame mit schweren Einkaufstüten kam, haben wir Kinder sofort gesagt: „Gib mir eine Tasche, wir laufen mit dir nach Hause." Auch bei den Hausaufgaben haben wir uns in der Nachbarschaft geholfen.
War das Teil eines Buddy-Programms?
Nein, das ist von selbst entstanden. Zum Beispiel, wenn jemand seine E-Mail nicht einrichten konnte oder Credits von einer anderen Hochschule anrechnen lassen wollte. Ich habe mich immer an meine eigene Anfangszeit erinnert: hier ein PDF, dort ein Formular, dazu diese Unterlagen. Man steht vor einem Berg und muss ihn allein abarbeiten. Wenn die Situation so war wie meine, konnte ich helfen. Wenn nicht, habe ich gesagt: „Bis hierhin kann ich dir helfen, den Rest klären wir im SSC-Portal oder mit älteren Studierenden." Die IBS-Community an der Hochschule ist dabei wirklich stark. Alle Semester sind dabei, und man kann immer fragen, egal ob es um Semesterthemen, Auslandsstudium oder Wohnungssuche geht.
Im zweiten Semester hat Professorin Naumann gesehen, dass ich oft selbst die Initiative ergreife, und mir die Stelle als studentische Mentorin angeboten. Ich habe gern zugesagt. Erstsemester zu begrüßen war auch für mich eine neue Erfahrung, fast so, als würde ich den Campus noch einmal neu kennenlernen.
Wie bist du zur Hochschule Anhalt gekommen?
Nach dem Abitur im Kosovo wusste ich nicht genau, was ich studieren möchte. Ich habe mit Finanzmathematik begonnen, aber gemerkt, dass es nicht mein Weg ist. Dann kam die Möglichkeit, in Deutschland zu studieren. Meine Cousine hat mir den Prozess erklärt und bei der Suche nach einer Hochschule geholfen. Ich bin in Deutschland geboren, aber im Kosovo aufgewachsen.
Ich habe recherchiert, wo ich studieren könnte und bin auf die Hochschule Anhalt gestoßen. Auf der Webseite und in den Videos habe ich gemerkt: Hier sind wirklich viele internationale Studierende. Das verbindet, es ist ein Icebreaker, und man findet schneller Freunde. Genau so war es dann auch. Und die Professorinnen und Professoren sind nicht hierarchisch. In der Mensa kann man einfach eine Frage stellen. Sie tun viel dafür, dass wir eine Community sind und uns vernetzen.
Was sind deine nächsten Ziele?
Zuerst schließe ich mein Praktikum ab, das läuft noch bis Mitte März. Ich mache es bewusst auf Deutsch, weil ich mich sprachlich weiter verbessern möchte. Danach steht die Bachelorarbeit an. Über das Thema denke ich gerade nach. Anschließend möchte ich einen Master machen, wo, weiß ich noch nicht. Am liebsten möchte ich danach in Deutschland bleiben, wenn ich einen guten Job finde. Und ich möchte der Community verbunden bleiben, als Helferin oder später als Alumna.
Was bedeutet dir der Preis?
Der Preis ist mit 1.000 Euro dotiert, das hilft mir als Studentin sehr, zum Beispiel bei den Fahrtkosten und bei der Miete. Aber der Titel bedeutet mir noch mehr. Das Geld ist irgendwann ausgegeben, der Titel bleibt für immer. Er hat auch mein Selbstbewusstsein gestärkt. Ich habe gemerkt: Das, was ich mache, wird wertgeschätzt. Das bedeutet mir sehr viel.