Dr. Anne Harzdorf wurde als neue Professorin für Baubetriebswirtschaftslehre, insbesondere Lebenszyklusmanagement an die Hochschule Anhalt berufen. Wir haben mit ihr über ihre neue Tätigkeit und die Herausforderungen in ihrem Fachgebiet gesprochen. Die Professorin betont die essenzielle Bedeutung einer ganzheitlichen Betrachtung von Immobilien und ihre Leidenschaft, Studierende für diese Thematik zu sensibilisieren.
Professorin Harzdorf, herzlich willkommen an der Hochschule Anhalt. Bevor wir uns über Ihr Tätigkeitsfeld unterhalten, lassen Sie uns kurz zurückblicken. Was haben Sie studiert?
Ich habe an der Technischen Universität Dresden erst Bauingenieurwesen, anschließend noch Architektur studiert. Mein Schwerpunkt lag dabei auf dem Bauingenieurwesen. Am Institut für Baubetriebswesen habe ich 2020 auch promoviert.
Warum haben Sie sich für das Bauingenieurwesen entschieden?
In meiner Kindheit hatte ich die Möglichkeit, den Aufbau und die Entwicklung des väterlichen Bauunternehmens zu erleben. Das weckte meine Neugierde für die Baubranche und führte letztendlich dazu, dass ich mich in meiner Studienwahl für das Bauingenieurwesen entschied.
Was waren Ihre wichtigsten beruflichen Stationen nach dem Studium?
Nach meinem Studium war ich als Bauleiterin in einem mittelständigen Architekturbüro in Dresden beschäftigt. Dort habe ich verschiedene Bauprojekte im Rahmen der Vergabe und Bauüberwachung in Dresden und Umgebung sowie in Berlin betreut. Im Anschluss war ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Baubetriebswesen an der Technischen Universität Dresden tätig und hatte die Möglichkeit, mich in Lehre und Forschung zu engagieren. In dieser Zeit habe ich außerdem mit einem weltweit tätigen DAX-Konzern zusammengearbeitet. Nach dem Abschluss meiner Promotionsarbeit im Jahr 2020 war ich bei der Deutschen Bahn Station&Service AG im Baumanagement beschäftigt. In der Position als Fachspezialistin Bauprojekte habe ich deutschlandweit verschiedene strategische Themen des Baumanagements begleitet und erfolgreich umgesetzt.
Was hat Sie dazu bewogen, sich auf das Gebiet der Baubetriebswirtschaftslehre zu spezialisieren, insbesondere auf Lebenszyklusmanagement?
Während meiner Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin hatte ich die Möglichkeit, mich intensiv mit dem gesamten Lebenszyklus von Immobilien auseinanderzusetzen. Diese Erfahrung zeigte mir, dass die ganzheitliche Betrachtung von Immobilien aus baubetrieblicher Perspektive ein Bereich ist, der bislang oft vernachlässigt wird. Doch gerade diese ganzheitliche Betrachtung ist von entscheidender Bedeutung für die langfristige Entwicklung eines nachhaltigen Immobilienbestandes in Deutschland, Europa und weltweit.
Sehen Sie hier auch einen wichtigen Baustein für Studierende der Immobilienwirtschaft?
Genau. Es ist mein Ziel, schon in der Ausbildung für eine lebenszyklusbezogene Betrachtung zu sensibilisieren und in diesem komplexen Themenbereich Transparenz herzustellen. Was mich an diesem Bereich besonders fasziniert, ist die Möglichkeit, nicht nur ökologische und soziale Aspekte, sondern auch wirtschaftliche Gesichtspunkte gleichermaßen zu berücksichtigen.
Welchen Eindruck haben Sie: Müssen alle Baubeteiligten heute bewusster werden, dass ihre Tätigkeiten politisch sind? Dass sie zirkulär bauen müssen, ressourcenschonend und nachhaltig?
Absolut. Alle am Bau Beteiligten müssen heute ein bewusstes Verständnis für eine gesamtheitliche Betrachtung von Immobilien entwickeln. Ziel muss es sein, die komplexen Zusammenhänge von der Realisierung, über die Nutzung bis hin zum Abbruch transparent zu machen. Darüber hinaus ist zu zeigen, dass eine nachhaltige Bauweise nur unter Berücksichtigung aller Lebenszyklusphasen erreicht werden kann. Die Herausforderung besteht insbesondere darin, die systematischen Zwänge der kurzfristigen Kostenminimierung zu Gunsten der Betrachtung über den gesamten Lebenszyklus aufzulösen. Dies kann nur gelingen, wenn das Thema als Basisbestandteil in Praxis und Wissenschaft integriert und in entsprechender Weise in den gesetzlichen Rahmenbedingungen berücksichtigt wird.
Professorin Harzdorf, herzlichen Dank für das Gespräch.