Einblicke

„Ein Denkmal ist ein Gesprächspartner.“

  • Eine Person mit kurzem, graumeliertem Haar lächelt freundlich in die Kamera. Sie trägt ein schwarzes Shirt und einen schwarzen-weiß karierten Mantel oder Schal. Im Hintergrund sind mehrere gerahmte Bilder oder Grafiken an einer Wand zu sehen. © Hochschule Anhalt/Uwe Jacobshagen

Prof. Dr. Karin Berkemann ist neue Professorin für Denkmalpflege an der Hochschule Anhalt. Im Interview spricht sie über Baugeschichte als Zeitreise, die Rolle historischer Gebäude als kreative Inspiration – und darüber, was Kirchen und Kaufhäuser gemeinsam haben.

Frau Prof. Berkemann, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit Kirchen, Denkmalpflege und der Architektur der Nachkriegsmoderne. Was fasziniert Sie an alten Gebäuden – und wie fließt diese Faszination in Ihre Lehre ein?

Mich interessiert, wie Dinge geworden sind, was ihre Geschichte ist. Bei Gebäuden heißt das: Wann sind sie entstanden? Warum gerade so? Was war die ursprüngliche Idee dahinter – und wie kann ich das heute weiterdenken? Denkmalpflege ist nicht nur Bewahrung, sondern ein Verstehen und Weiterentwickeln. Und genau das möchte ich den Studierenden vermitteln: Ein Gebäude ist nicht einfach da – es ist Ausdruck einer Zeit, einer Gesellschaft, einer Nutzung. Wer das versteht, kann sensibel und klug mit dem Bestand umgehen.

Also ist Baugeschichte auch eine Art Zeitreise?

Ganz genau. Wir schauen uns Fragen an wie: Warum steht dieses Haus am Bahnhof? Welche Rolle spielten Frauen im Handwerk? Welche technischen Innovationen gab es damals? Und wie sieht man das dem Bauwerk an? Das ist wie eine kleine Zeitreise, bei der Architektur plötzlich lebendig wird.

Und was heißt dann zeitgemäße Denkmalpflege in der Praxis?

Zunächst: verstehen, warum etwas so ist, wie es ist. Danach kommt der zweite Schritt – die heutige Nutzung. Braucht es wirklich Veränderungen? Oft lässt sich vieles bewahren, wenn man genau hinschaut. Das schont nicht nur den historischen Bestand, sondern spart auch noch Geld und Ressourcen. Und wenn Veränderungen notwendig sind – etwa, weil eine Familie mehr Platz braucht oder ein Krankenhaus neue technische Anforderungen hat –, dann muss man Gebäude und neue Bedürfnisse ins Gespräch bringen. Denkmalpflege ist in diesem Sinne immer parteiisch: Sie ist die Anwältin des Bestands.

Ich möchte den Studierenden vermitteln: Ein Gebäude ist nicht einfach da – es ist Ausdruck einer Zeit, einer Gesellschaft, einer Nutzung. Wer das versteht, kann sensibel und klug damit umgehen.

Sie sagen: Ein Denkmal ist wie ein Gesprächspartner. Was meinen Sie damit?

Ein Denkmal ist kein Hemmschuh – es kann eine Inspiration sein. Dann arbeiten wir nicht im luftleeren Raum, sondern in Auseinandersetzung mit etwas Bestehendem. Das fordert Kreativität, Flexibilität – und macht große Freude. Im besten Fall ist das historische Bauwerk ein dritter Gesprächspartner, neben dem Ort und den Nutzer*innen. Es will in seiner Geschichte und seinen Eigenarten gehört werden. So wird die Sache spannender.

Wie bringen Sie das konkret in Ihre Lehre ein?

Neben klassischen Medien wie Fotografie oder Vor-Ort-Besuchen nutze ich gerne die digitalen Möglichkeiten. Beispielsweise das neue Holodeck der Hochschule – eine VR-Technologie, mit der wir Dorfkirchen und Kreuzgänge digital begehen können. Das ist gerade für die Baugeschichte ein großartiges Werkzeug. So können die Studierenden in wenigen Minuten nach Frankreich reisen und mir die gotische Kathedrale von Chartres ansehen, ein Gespür bekommen für die Proportionen, für das Gewölbe. Natürlich gehen wir auch in Dessau selbst auf Entdeckungstour – denn hier gibt es aus fast jeder Epoche wunderbare Beispiele.

Woran arbeiten Sie mit Ihren Studierenden aktuell?

Zwei Schwerpunkte sind mir besonders wichtig: Kirchenbauten und junge Denkmale – also Architektur der 1970er bis 2000er-Jahre, die gerade erst beginnt, als historisch wahrgenommen zu werden. Bei den Kirchen lassen sich Lehre, Forschung und Vermittlung gut verbinden: Die Studierenden untersuchen, wie sich Gottesdiensträume verändern – und vergleichen sie mit einem überraschend ähnlichen Bautyp: dem Kaufhaus. Beides sind große, innerstädtische, öffentliche Orte, die mit einer markanten Architektur um Laufkundschaft werben. Aber sie können dieses Versprechen immer weniger einlösen und stehen dann oft leer.

Sie sprachen auch von Vermittlung?

Da kommt neben den Studierenden eine weitere Gruppe ins Spiel: Nachwuchsexpert*innen aus Kunst und Wissenschaft. Gefördert von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, konnte ich für den Jahresbeginn 2026 drei Residence-Stipendien ausschreiben. Im Dialog mit den Studierenden arbeiten sie unter dem Motto „Gebrochene Verheißung“ am Kirche-Kaufhaus-Vergleich. Die Ergebnisse werden 2026 im Rahmen des Bauhausjubiläums öffentlich sichtbar, denn sie erweitern eine Ausstellung der Stiftung Bauhaus Dessau in den städtischen Raum.

Und wie nähern Sie sich Ihrem zweiten Schwerpunkt, den jungen Denkmalen?

Hier geht es viel um das Erkennen und Erfassen: Was macht ein Gebäude zum Denkmal? Wie gewinnen wir einen Überblick über einen großen Bestand, der bislang kaum erforscht wurde? Daher testen wir unterschiedliche Methoden – vom Auswerten der damaligen Fachzeitschriften über einen Online-Hackathon bis zur Recherche mit KI-Tools. Hier können die Studierenden auch ihre besondere Perspektive einbringen, denn sie sehen diese junge Architektur mit anderen Augen als ich. Das ist bereichernd – für die Lehre und für die Denkmalpflege.

Herzlichen Dank für das Gespräch! 

Kontakt

Bettina Kranhold

Redaktion

Veronika Rivera

Studiengang Architektur (B.Sc.)

Im Architekturstudium an der Hochschule Anhalt erwerben Studierende das fachliche und kreative Rüstzeug für den Beruf. Gefragt sind Kreativität, Planungsfreude sowie technisches und organisatorisches Verständnis; künstlerische Begabungen sind hilfreich, aber nicht zwingend notwendig. Die Studierenden lernen, Gebäude ganzheitlich zu verstehen, Funktionen zu organisieren, Konstruktionen zu entwickeln und städtebauliche Situationen zu analysieren. Ziel ist es, über reine Technik hinaus Architektur als kulturelle Leistung zu gestalten, die langfristig gesellschaftliche Relevanz besitzt.

Bewerbungszeitraum öffnet ab dem 15.3. 
Mehr Infos: www.hs-anhalt.de/ar