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Auch mit der KI führt kein Weg an Mathe vorbei

  • © Sascha Perten

Trotz technologischer Fortschritte und dem Einzug von Künstlicher Intelligenz in die Vermessungsbranche muss Professor Dr. Christian Pröseler seine Studierenden enttäuschen: "Mathematikvorlesungen werden weiterhin essenziell sein." Selbst in einer zunehmend von KI geprägten Welt bleiben mathematische Grundlagen unverzichtbar. Im Interview teilt der neue Vertretungsprofessor für „Geodätische Auswertetechnik“ an der Hochschule Anhalt seine ersten Eindrücke vom Campus, erklärt seine praxisorientierten Lehrmethoden und spricht darüber, wie er die Zukunft der Vermessungsbranche in Zeiten der Künstlichen Intelligenz sieht.

Professor Pröseler, seit Juni 2024 sind Sie Professor für „Geodätische Auswertetechnik“. Wie waren Ihre ersten Wochen in Dessau, und wie erleben Sie den Campus und die Studierenden?

Insgesamt lief es gut, und ich habe es wirklich genossen, das Semester zu gestalten. Ich unterrichte Mathematik, und ich weiß, dass das nicht bei allen Studierenden beliebt ist. Ich war gespannt, denn es gibt immer Studierende, die aktiv mitarbeiten, und andere, die das Fach eher als Pflicht ansehen – das ist völlig normal.
Besonders beeindruckt hat mich, wie gut sich die Studierenden hier organisieren. Das habe ich in dieser Form so nicht aus meiner Unizeit gekannt. Sie planen Grillfeiern, unterstützen Hochschulveranstaltungen und sind dabei sehr engagiert. Sogar mich haben sie eingeladen und nicht locker gelassen, bis ich schließlich dabei war. Diese familiäre Atmosphäre gefällt mir sehr. Der kleinere, persönliche Rahmen hier macht wirklich einen Unterschied.

 

Sie arbeiten neben der Professur bei VermCad, einer kleinen Softwarefirma, die Vermessungssoftware für den Liegenschaftskataster entwickelt. Welche Erfahrungen aus Ihrer Arbeit bei VermCad fließen in Ihre Lehrveranstaltungen ein?

Die Frage möchte ich gerne etwas erweitern und fragen, was mir dieser Job in Hinblick auf meine aktuelle Position an der Hochschule Anhalt gegeben und ermöglicht hat. Die Antwort ist ziemlich klar: fast alles. Man muss wissen, dass ich aus der Mathematik komme. Dort habe ich mich in die reinste und anwendungsfernste Richtung vertieft, die ich finden konnte, weil ich daran Freude gefunden habe und auch, weil der Professor, der das unterrichtet hat, eine beeindruckende Person war. Erst durch den Job bei VermCad habe ich die praxisnahe Seite der Mathematik kennengelernt, die in der Vermessung benötigt wird. Diese praktischen Einblicke und Beispiele bringe ich direkt in meinen Unterricht ein. Ich kann den Studierenden zeigen, wo in der Praxis Probleme auftreten und warum man manchmal noch einen Schritt zurückgehen sollte, um das Problem richtig zu verstehen.
Außerdem habe ich durch VermCad gelernt, wie wichtig es ist, Mathematik verständlich zu vermitteln. In meiner Anfangszeit fiel es mir schwer, mit Anwendern zu kommunizieren, weil ich zu mathematisch gedacht habe. Diese Erfahrung hat mir geholfen, meinen Unterricht so anzupassen, dass er für die Studierenden greifbarer wird. Ich versuche, theoretische Inhalte möglichst anschaulich zu vermitteln, auch wenn am Anfang viel Theorie notwendig ist.

 

Sie haben erwähnt, dass Sie durch einen beeindruckenden Professor zur Mathematik gekommen sind. Was war das Besondere an seiner Lehre?

Das ist schwer zu beschreiben. Dieser Professor hatte eine beeindruckende Ausstrahlung, die mich sofort in den Bann gezogen hat. Sein Unterricht war nicht einfach – im Gegenteil, das Tafelbild war oft ein einziges Chaos, und man musste wirklich am Ball bleiben. Aber gerade diese Herausforderung und seine Persönlichkeit haben mich fasziniert. Er hat genau das unterrichtet, was mich schon immer interessiert hat, und so hat er mich in Richtung Algebra geführt, einem recht anwendungsfernen Zweig der Mathematik.

 

Schaffen Sie es, Ihre Studierenden ähnlich zu begeistern?
Das ist eine Herausforderung. Ich versuche, den Studierenden die Angst vor Mathematik zu nehmen, indem ich offen und zugänglich bin. Ich frage oft nach, ob es noch Unklarheiten gibt, und ermutige die Studierenden, Fragen zu stellen – auch nach der Vorlesung.
Mir ist wichtig, dass die Studierenden mich nicht als unnahbaren Professor sehen, sondern als jemanden, der ihnen wirklich helfen will. Ich stelle mich nicht als "Herr Professor Dr. Pröseler" vor, sondern einfach als "Herr Pröseler". Es geht darum, eine gewisse Barriere abzubauen, damit sie sich trauen, auf mich zuzukommen. Natürlich weiß ich, dass ich nicht jeden mitnehmen kann, aber ich gebe mein Bestes, um den Zugang zur Mathematik so einfach wie möglich zu machen.

 

Werfen wir einen Blick in Ihren Hörsaal. Wie vermitteln Sie komplexe Themen in der geodätischen Auswertetechnik?

Ich beginne mit sehr einfachen Szenarien, bei denen die grundlegenden Konzepte für alle klar erkennbar sind. Dann arbeite ich mich schrittweise zu komplexeren Fällen vor, um zu zeigen, wie sich die Herausforderungen verschärfen. Diese Vorgehensweise hilft den Studierenden, die Probleme schrittweise zu verstehen und die nötigen mathematischen Konzepte zu verinnerlichen.
Ein wichtiger Punkt ist, dass die Studierenden nicht nur das Beispiel, sondern auch die zugrunde liegende Theorie verstehen müssen. Ich versuche, Praxisnähe zu schaffen, indem ich die Konzepte auf reale Softwareprobleme übertrage, die ich in meiner beruflichen Praxis erlebe. So sehen die Studierenden, wie Theorie und Praxis ineinandergreifen. Mir ist wichtig, dass die Studierenden die Methoden nicht nur mechanisch anwenden, sondern das Warum und Wie dahinter verstehen.

 

Vielleicht brauchen die Studierenden künftig ja gar keine Mathe-Kenntnisse mehr. Wenn Künstliche Intelligenz in der Vermessungsbranche Einzug hält – oder wie wird KI und maschinelles Lernen die Branche Ihrer Meinung nach verändern?

Die Mathematik wird sich durch KI weniger verändern, als dass Mathematik die KI prägt. Die zugrunde liegenden Systeme der KI basieren stark auf mathematischen Konzepten. Die wahre Veränderung sehe ich eher darin, wie KI-Systeme in der geodätischen Praxis eingesetzt werden können. Während KI in der Lage ist, intuitive menschliche Entscheidungen zu imitieren, bleibt die Herausforderung, dass diese Systeme oft wie eine Blackbox funktionieren – sie liefern Ergebnisse, ohne dass der Prozess dahinter vollständig durchschaubar ist.
Die Studierenden muss ich also enttäuschen: Mathematikvorlesungen werden weiterhin essenziell sein. Es ist einfach wichtig, dass die mathematischen Konzepte verstanden werden. Erst dann können die Ergebnisse der KI korrekt interpretiert und gegebenenfalls angepasst werden. Wenn man nicht versteht, was ein System im Hintergrund macht, wird es schwierig, es zu korrigieren, wenn die Ergebnisse nicht den Erwartungen entsprechen. Daher setze ich mich stark dafür ein, dass die mathematische Ausbildung im Vermessungsstudium nicht vernachlässigt wird.

Prof. Pröseler, vielen Dank für das Gespräch!

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