Toni Barth (29) coacht als Mitarbeiter am Fachbereich 5 – Informatik und Sprachen – Studis im ersten Semester im Modul Programmierung und Modellierung. Er steht Studierenden während ihrer Praktika zur Seite und sorgt dafür, dass die Server der Hochschule Anhalt reibungslos laufen. Zudem hat der Digitalexperte ein Herzensthema: Barrieren abbauen!
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Der Tech-Virtuose
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© Hochschule Anhalt/Uwe Jacobshagen
Im Gespräch bezeichnet sich der Lehrbeauftragte an der Hochschule Anhalt als »ziemlich nervig«. Technologie, Wissenschaft, Computer sind die Leidenschaft von Toni Barth, in Kombination mit Musik. Der Softwareentwickler ist auch Content-Creator, komponiert unter anderem Musik für Videospiele und erstellt das Sounddesign. Zurzeit bereitet der 29-Jährige aus Halle seine Promotion vor. Dabei wird es um Computer und Audioerlebnisse gehen, aber auch um sein drittes Herzensthema: Barrierefreiheit. Er forscht zur digitalen Kollaboration.
Blind geboren, hat Toni im Grundschulalter den Umgang mit dem Computer gelernt, konnte bereits in der 2. Klasse mit zehn Fingern schreiben. Die Sprachausgabe des Rechners und die Braillezeile ermöglichten ihm Teilhabe, Schulausbildung und später das Studium. Seine Eltern setzten sich dafür ein, dass Toni eine Regelschule besuchte. Er war der erste blinde Schüler, der das Abitur in Sachsen-Anhalt nicht an der Blindenschule absolviert hat. »Meinen Eltern war klar, wie wichtig Computertechnik als Hilfsmittel sein würde, deshalb hatte niemand etwas dagegen, dass ich tief in die digitale Welt abgetaucht bin, als neugieriger Mensch gerne auch experimentiert habe«, erzählt er.
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»An der Hochschule Anhalt zeigte man sich sehr interessiert, sehr offen dafür, auf meine speziellen Bedürfnisse einzugehen.«
Toni Barth
Hochschule Anhalt punktete mit echtem Interesse
So hat es denn auch kaum jemanden überrascht, als sich Toni nach dem Abitur für ein Informatikstudium interessierte. Kurz hatte er überlegt, ob er seine Begeisterung für Musik zum Beruf machen sollte, entschied sich dann aber für das Studium Angewandte Informatik - Digitale Medien und Spieleentwicklung. »Mit dem Stichwort Spieleentwicklung haben sie mich gekriegt«, lächelt er, wird aber gleich wieder ernst. »Ich stand damals mit einigen Hochschulen in Kontakt, für die war ich ein begehrter Student, vor allem unter Marketingaspekten, als Beweis für Inklusion«, erzählt er. Toni hat feine Antennen dafür, ob jemand Inklusion wirklich ernst nimmt, Barrieren abbauen will. »An der Hochschule Anhalt zeigte man sich sehr interessiert, sehr offen dafür, auf meine speziellen Bedürfnisse einzugehen.«
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© Hochschule Anhalt/Uwe Jacobshagen
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© Hochschule Anhalt/Uwe Jacobshagen
Er lag richtig mit seiner Intuition. Im Bachelor- wie auch im Masterstudium in Köthen wurde er gut begleitet. »Die Profs mussten ihr Programm auf mich abstellen und teils umarbeiten. Dabei hatte ich nie das Gefühl, ich sei eine Last. Im Gegenteil, auch wenn ich um Extra-Einheiten gebeten und vielleicht mehr Zeit als andere gekostet habe, war das nie ein Problem.« Als dualer Student hatte er zudem das Glück, zwei Kommilitonen an seiner Seite zu haben, die im gleichen Unternehmen in Halle arbeiteten. »Die beiden haben oft meine Augen ersetzt und mir viel erklärt, etwa bei Abbildungen. Wir waren ein super Team. Aber ja, die beiden waren auch wichtig für mich, weil sich Kontakt zu anderen Kommilitonen kaum ergeben hat.«
Interesse an seiner speziellen Lebenssituation
Denn »anders sein als andere«, ist ein Thema. Auch im Kreis der Kolleginnen und Kollegen und für Studierende in seinen Lehrveranstaltungen. »Viele Leute sind befangen, fast ängstlich sogar«, schildert Toni. Das mag daran liegen, dass Menschen mit Behinderung selten im Alltag sichtbar sind. Toni kennt die Verunsicherung, erlebt auch Diskriminierung. »Manchmal ist sie sicherlich nicht so gemeint, aber mich nervt es trotzdem, wenn jemand zu mir sagt: Toll, wie Sie das hier alles machen.« Neben dem Unbehagen registriert er gleichzeitig aber auch Interesse an seiner speziellen Lebenssituation. »Wenn wir uns länger kennen, wird die Zurückhaltung überwunden und dann traut man sich, Fragen zu stellen. Etwa wie ich als blinder Mensch Videospiele spiele, ob ich vielleicht sogar auch Shooter-Spiele spielen kann oder wie es ist, sich ohne visuelle Anreize im Game zu bewegen«, berichtet Toni. Und er verrät, dass er am liebsten strategische Videospiele spielt, zusammen mit seiner Partnerin.
Seine Stimme wird gehört
Sein Faible für Musik und Audiobearbeitung lebt Toni auf seinem englischsprachigen YouTube-Kanal »Toni Barth Music« aus. Dort sind nicht nur seine Kompositionen und Cover zu hören, sondern auch Tutorials, Software- und Hardware-Reviews – und er spricht über den Abbau von Barrieren aus seinem Erleben als blinder Mensch. Zudem engagiert er sich beim ReaHotkey-Projekt, will mehr Barrierefreiheit für musikbezogene Software ermöglichen. Selbstverständlich kümmert er sich auch in seinem Job an der Hochschule Anhalt um digitale Barrierefreiheit. »Wir haben da noch einiges zu tun, hier den Zugang für alle zu verbessern.« Toni begrüßt die neuen europaweiten gesetzlichen Vorgaben wie etwa das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz. Das sei ein wichtiger Schritt für die Gesellschaft, damit Inklusion besser gelingen kann. »Bei der Umsetzung müssen Betroffene gehört werden. Oft ist es noch so, dass Menschen mit Behinderung nicht selbst mitentscheiden bei Themen, die sie etwas angehen. Sie werden zu selten gefragt.« Zumindest Tonis Stimme wird gehört.
Katja Wallrafen
Mehr zum Studiengang:Der Studiengang Angewandte Informatik vermittelt eine breite Informatik-Grundausbildung und ermöglicht gleichzeitig eine individuelle Spezialisierung in Bereichen wie Biotechnologie, Data Science und KI, digitale Medien und Spieleentwicklung, Medientechnik oder Wirtschaft.
Dabei werden theoretische Grundlagen mit praxisnahen Projekten kombiniert, sodass Studierende sowohl technisches Fachwissen als auch interdisziplinäre Kompetenzen erwerben.
Ziel ist es, vielseitig einsetzbare Informatikerinnen und Informatiker auszubilden, die optimal auf die Anforderungen der modernen Arbeitswelt vorbereitet sind.
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