Professorin Uta Seewald-Heeg ist Standortsprecherin des Campus Köthen, leitet das Sprachenzentrum der Hochschule Anhalt und treibt in ihrer Rolle als Vizepräsidentin für Internationales und Gleichstellung den internationalen Austausch und die Gleichstellung voran. Im Gespräch vermittelt sie einen Eindruck davon, wie sie an der Hochschule Anhalt Räume schafft, in denen alle ankommen können.
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Erst verstehen, dann urteilen
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© Hochschule Anhalt - Uwe Jacobshagen
Frau Seewald-Heeg, Sie verbinden an der Hochschule die Themen Internationales und Gleichstellung. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?
PROFESSORIN UTA SEEWALD-HEEG: Internationales, also internationale Angelegenheiten und Internationalisierung, bedeuten für uns weit mehr als den Austausch mit anderen Ländern – sie sind ein zentraler Bestandteil des Hochschulalltags.
In meiner Arbeit begleite ich internationale Kooperationen, bin Ansprechpartnerin für Studierende aus dem Ausland und arbeite eng mit unserem International Office zusammen. Besonders wichtig ist mir dabei, dass internationale Studierende nicht nur als Zahlen oder Wachstumsfaktor gesehen werden. Der Austausch zwischen unterschiedlichen Kulturen und Perspektiven ist eine große Bereicherung – für die Wissenschaft genauso wie für die Gesellschaft.
In meinem zweiten wichtigen Themenfeld, der Gleichstellung, geht es darum, unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen und Menschen mit verschiedenen Bedürfnissen ernst zu nehmen. Eine wichtige Aufgabe ist es zuzuhören, Verständnis füreinander zu entwickeln und ein Umfeld zu schaffen, in dem sich alle gleichermaßen gut aufgehoben fühlen – unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder jeweils individuell unterschiedlichen Voraussetzungen.
Welche Rolle spielen internationale Kooperationen?
Wir arbeiten mit Partnern unter anderem in Zentralasien, China und Vietnam zusammen. Dort erleben wir großes Interesse an deutscher akademischer Tradition, besonders an praxisorientierter Ausbildung und dualem Studium. Gleichzeitig lernen auch wir von anderen Standpunkten und Blickwinkeln. Internationale Kooperation ist deshalb nicht nur ein Tor in die Welt, sondern ein Motor für die Weiterentwicklung unserer Hochschule vor Ort.
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"Eine wichtige Aufgabe ist es zuzuhören, Verständnis zu entwickeln und ein Umfeld zu schaffen, in dem sich alle gleichermaßen gut aufgehoben fühlen – unabhängig von Herkunft oder Geschlecht."
Prof. Uta Seewald-Heeg
Wie hängen Internationales und Gleichstellung zusammen?
Internationales und Gleichstellung lassen sich nicht voneinander trennen, weil beide von Vielfalt leben. Menschen bringen unterschiedliche Erfahrungen, Denkweisen und kulturelle Hintergründe mit. Deshalb geht es darum, offen für andere Perspektiven zu sein und nicht nur die eigene Sichtweise als selbstverständlich anzusehen. Gerade im internationalen Kontext wird deutlich, dass Studierende aus anderen Ländern andere Zugänge zu Aufgabenstellungen haben.
Ich habe zum Beispiel erlebt, dass asiatische Studierende nicht wagen, andere, insbesondere ältere Personen oder Lehrende öffentlich zu kritisieren, weil das in ihrer Kultur tabu ist und zu Gesichtsverlust führen kann. Wenn man jedoch wünscht, dass in Projekten offen Kritik geäußert wird, muss man dafür erst einmal eine gemeinsame Basis schaffen.
Solche Erfahrungen zeigen, dass vieles, was wir als selbstverständlich betrachten, kulturell geprägt ist. Genau das birgt aber Potential für einen großen Lernprozess.
Sie betreuen auch das Professorinnenprogramm. Was bewirkt dieses konkret?
© Hochschule Anhalt
Das Professorinnenprogramm hilft dabei, Frauen in der Wissenschaft sichtbarer zu machen und gezielt zu fördern. Es geht nicht darum, Frauen zu bevorzugen, sondern exzellente Wissenschaftlerinnen gezielt zu fördern und zu unterstützen. Gleichzeitig sollen junge Frauen sehen, dass eine Professur ein realistischer Karriereweg sein kann. Sichtbare Vorbilder spielen dabei eine wichtige Rolle.
Gerade wenn es darum geht, Familie und akademische Laufbahn miteinander zu verbinden, gibt es nach wie vor Herausforderungen. Flexible Arbeitsmodelle, Unterstützungsangebote und ein offener Umgang mit unterschiedlichen Lebensrealitäten sind deshalb wichtig.
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"Internationales und Gleichstellung lassen sich nicht voneinander trennen, weil beide von Vielfalt leben."
Prof. Uta Seewald-Heeg
Welche Bedeutung haben Internationalität und Gleichstellung für die Gesellschaft?
Internationale Zusammenarbeit schafft Verständnis und langfristige Beziehungen. Menschen lernen einander kennen, arbeiten gemeinsam an Projekten und nehmen Erfahrungen mit in ihre Heimatländer. Das ist eine wichtige Grundlage für gegenseitiges Vertrauen und friedliches Miteinander. Gleichzeitig ist Deutschland eine alternde Gesellschaft.
Deshalb brauchen wir Austausch, Offenheit und Fachkräfte aus aller Welt. Internationale Studierende, die unsere Kultur kennenlernen und bereits Erfahrungen an unseren Hochschulen sammeln, sind ein großer Gewinn – sowohl für die Hochschule als auch für die Gesellschaft insgesamt.
Wenn Sie auf Ihren eigenen Werdegang zurückblicken: Welche Erfahrungen haben Ihren Blick auf Chancengerechtigkeit geprägt?
Schon als Kind habe ich erlebt, wie es ist, in eine neue Umgebung zu kommen und zunächst vieles nicht zu verstehen. Während meiner Grundschulzeit zog meine Familie auf die Schwäbische Alb. Dort sprachen viele Lehrkräfte schwäbisch, was für mich damals fast wie eine Fremdsprache war. Ich kam nach dem ersten Schultag weinend nach Hause und sagte, dass ich den Lehrer nicht verstanden habe. Im Nachhinein war das vielleicht ein früher Schlüssel dafür, wie wichtig Offenheit und gegenseitiges Verständnis sind. Nicht alles ist sofort selbstverständlich und nicht jede Denkweise ist automatisch richtig, nur weil man sie selbst gewohnt ist.
Deshalb halte ich es für wichtig, Menschen nicht nur mit erhobenem Zeigefinger zu begegnen, sondern eher Verständnis füreinander zu schaffen. Fortschritt entsteht meistens dann, wenn Menschen bereit sind zuzuhören und andere Perspektiven ernst zu nehmen.
Ohne Prof. Dr. Uta Seewald-Heeg würde ein Stück Austausch, Perspektivenvielfalt und gegenseitiges Verständnis an der Hochschule fehlen.
Sie setzt sich dafür ein, Menschen mit unterschiedlichen Kulturen, Erfahrungen und Denkweisen miteinander ins Gespräch zu bringen.