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„Es braucht Genauigkeit, um historische Bauwerke langfristig zu sichern“

  • © sascha perten

Prof. Dr. Jens Hartmann bringt Studierenden an der Hochschule Anhalt die Feinheiten der Vermessung bei – und das praxisnah. Sein Spezialgebiet ist die präzise Messung und Überwachung von Bauwerken, ein Thema, das gerade durch die überalterte Infrastruktur und aktuelle Bauprojekte an Bedeutung gewinnt. Hartmann, der seit September 2023 die Professur für Angewandte Geodäsie innehat, setzt auf einen hohen Praxisanteil: „Die Studierenden entwickeln Messkonzepte, führen eigenständig Messungen durch, werten die Ergebnisse aus und interpretieren diese kritisch.“ Im Interview erläutert der Studienfachberater, wie diese Arbeit am Beispiel des Torbogens der Ruinenbrücke  im Dessauer Georgengarten aussieht und welche Aufgaben auf die Studierenden warten, um die Stabilität dieser historischen Struktur langfristig zu sichern.

 

Professor Hartmann, was bedeutet Präzision und Genauigkeit in der Vermessung und wie üben die Studierenden das an der Hochschule Anhalt?

Präzision und Genauigkeit meinen nicht zwangsläufig das gleiche. Präzision beschreibt beispielsweise die Wiederholbarkeit von Messungen, während Genauigkeit angibt, wie nah der gemessene Wert am tatsächlichen Wert liegt. Genauigkeit ist im Berufsalltag unerlässlich, da Abweichungen oft große Folgen haben können. An der Hochschule Anhalt ist es uns daher wichtig, dass die Studierenden von Beginn an lernen, sorgfältig zu arbeiten und Messungen exakt zu planen.

 

Wie genau üben die Studierenden diese Fähigkeiten?

Der hohe Praxisanteil hier ist ein großer Vorteil. Schon im ersten Semester lernen die Studierenden, Messinstrumente wie Tachymeter – meist auf gelben Stativen - richtig zu platzieren und zu bedienen. Der exakte Aufbau und die saubere Ausrichtung auf Messpunkten, wir nennen das „Zentrieren“ und „Horizontieren“, sind von Anfang an entscheidend. Im Laufe des Studiums vertiefen wir diese Fähigkeiten, etwa im Bauwerksmonitoring-Projekt in Dessau-Roßlau. Dabei geht es nicht nur darum, Messdaten zu sammeln, sondern auch darum, sie auszuwerten und die Möglichkeiten der eingesetzten Technik genau zu verstehen. Die Studierenden entwickeln so eine besondere Sorgfalt im Umgang mit Messungen und erlangen die Kompetenz, mit Messabweichungen umzugehen. Diese Vorgehensweise hebt unsere Absolventinnen und Absolventen im Beruf besonders hervor, denn sie lernen, Verantwortung für die Datenqualität zu übernehmen.

 

Können Sie uns das Projekt in Dessau-Roßlau genauer erklären? 

Das Projekt hat gerade in Kooperation mit der Stadt Dessau-Roßlau begonnen und ist eine tolle Chance für die Studierenden, an einer realen Struktur mitzuarbeiten. Dafür gehen wir in den Georgengarten. Dort steht ein Torbogen der Ruinenbrücke, welcher vor Kurzem gesichert wurde. Die Aufgabe der Studierenden ist es, in den nächsten Jahren regelmäßig zu prüfen, wie stabil diese Konstruktion bleibt und ob die Verstärkungsmaßnahmen wirken. Die Studierenden arbeiten dabei von Grund auf: Erstmal müssen sie ein Messkonzept entwickeln.

 

Was gehört alles zu einem solchen Messkonzept?

Zuerst analysieren die Studierenden die Bogenkonstruktion selbst und die typischen Bewegungen, die zu erwarten sind – wie z. B. das Verhalten bei Tages- und Temperaturschwankungen. Danach schauen sie, wo Messpunkte angebracht wurden, um relevante Messdaten zu erfassen. In diesem Projekt nutzen wir verschiedene Messinstrumente, darunter Tachymeter, die an bestimmten Punkten aufgestellt werden. Die Beobachtungen werden wir in bestimmten Abständen (zeitlichen Epochen) wiederholen. Über die Zeit wird es dann spannend sein, welche Bewegungen (bis hin zu wenigen Millimetern) wir detektieren und klassifizieren können.

 

Und wie profitieren die Stadt und die Studierenden von diesem Projekt?

Am Ende erstellen die Studierenden einen Bericht, welchen wir auch der Stadt Dessau-Roßlau zukommen lassen. In diesem sollen die Ergebnisse zusammengefasst und Empfehlungen präsentiert werden. Langfristig könnte sich so zeigen, ob die Stabilität der Bogenkonstruktion gewährleistet bleibt oder ob weitere Maßnahmen nötig sind. Das Projekt ist für alle Beteiligten eine Win-win-Situation: Die Studierenden arbeiten praktisch und lernen, wie solche Projekte wissenschaftlich angegangen werden – und die Stadt, welche hier auch Messungen durchführt, profitiert von zusätzlichen Daten und neuen Impulsen für die Erhaltung des historischen Bauwerks.

 

Professor Hartmann, herzlichen Dank für das Gespräch.

Kontakt

Prof. Dr. Jens Hartmann

Redaktion

Veronika Rivera