Wer eine Vorlesung bei Professor Dr. Daniel Michelis an der Hochschule Anhalt besucht, findet kaum konventionelle Lehrbücher, trockene Theorien oder seitenlange Skripte vor, die auswendig gelernt werden wollen. Stattdessen nimmt der Professor am Campus Bernburg die Studierenden mit auf eine Reise durch vielfältige Projekte, die soziales Engagement fördern, den Aufbau von Netzwerken unterstützen und die Studierenden auf das Berufsleben vorbereiten. Für diesen Ansatz wurde er auf einer internationalen Konferenz in Paris mit einem Lehrpreis ausgezeichnet. Im Interview spricht er über seinen Lehrstil und wie er Studierenden dabei helfen will, die Welt positiv zu gestalten.
Professor Michelis, herzlichen Glückwunsch! Von wem ist der Lehrpreis und wofür haben Sie diesen bekommen – und haben Sie damit gerechnet?
Der Preis wurde mir auf der European Conference on Innovation and Entrepreneurship (ECIE) verliehen, einer internationalen wissenschaftlichen Konferenz. Ich habe ihn für eine Reihe von Crowdfunding-Projekten erhalten, die ich in den vergangenen Semestern in Lehrveranstaltungen im Masterstudiengang Online-Kommunikation durchgeführt habe. Damit gerechnet habe ich nicht. Da in der Lehre die Studierenden im Vordergrund stehen, war meine Idee, den Crowdfunding-Ansatz mit zwei Studierenden zu präsentieren und der Jury zu zeigen, wie solche Projekte bei uns entstehen. Den Preis haben wir dann auch gemeinsam gewonnen. Mit Studierenden zusammenzuarbeiten ist ein zentraler Bestandteil meines Jobs. Es war eine spannende Reise, die uns bis in das große Finale des Wettbewerbs geführt hat.
Wie setzen Sie Crowdfunding in Ihrer Lehre ein?
Es ist eine Lehrveranstaltung, bei der die Studierenden Geld für einen guten Zweck sammeln – in der Vergangenheit zwischen 1.500 und 10.000 Euro pro Projekt. Das Geld geht direkt an die ausgewählten Partner, die die finanzierten Projekte am Ende immer umsetzen. Meine Aufgabe ist es, den Studierenden beizubringen, wie sie Kampagnen erstellen, die Menschen zum Handeln bewegen. Wie sie aus ersten Kontakten ein Netzwerk knüpfen, das sie bei der Realisierung ihrer Projekte unterstützt. Bislang hat das meist sehr gut funktioniert.
Haben Sie ein Beispiel dafür?
Kommendes Wochenende sind wir im Naturpark Fläming. Auf 1 ½ Hektar unterstützen wir den Naturpark beim Pflanzen von neuen Bäumen. 2.500 Euro haben die Studierenden für die Baumpflanzaktion gesammelt. Die Vorschläge für solche Projekte stammen meist von den Projektpartnern oder ergeben sich einfach aus den eigenen Reihen. Vor einigen Semestern beispielsweise hatte ein Naturschutzstudent die Idee für ein Gesellschaftsspiel und wollte es mit allem, was dazu gehört, vermarkten. 10.000 Euro haben die Studierenden dafür gemeinsam eingesammelt. Das Naturspiel Ecogon gibt es seitdem frei zu kaufen und mittlerweile wurden weitere Spielvarianten entwickelt.
Das klingt sehr gut. Sind die Projekte immer so erfolgreich?
Die Projekte verlaufen nicht immer reibungslos, doch gerade aus Rückschlägen lernen die Studierenden, neue Lösungen zu entwickeln und flexibel auf Hindernisse zu reagieren. Zuerst starten die Studierenden in ihren persönlichen Netzwerken. Dabei merken sie schnell, das trägt sie nicht zum Ziel. Die Motivationskurve rauscht in den Keller. Nach und nach entwickeln sie neue, kreative Ideen dafür, wie sie ihr Projekt zum Erfolg führen können, was sie dafür tun müssen, und damit steigt die Motivation und das Engagement, das Ziel zu erreichen.
Was löst die Auszeichnung in Ihnen aus?
Dass man nicht nur neue Ideen, sondern auch Durchhaltevermögen braucht, um andere zu motivieren. Und sie bestärkt mich darin, diesen Weg weiter zu gehen und die Lehre zu einem lehrreichen Erlebnis für die Studierenden zu machen. Für mich ist es wichtig, Lehre und Engagement miteinander zu verbinden.
Wie stellen Sie sich die Lehre in 10 Jahren vor?
Neulich habe ich gelesen, dass im Jahr 2030 alle Tätigkeiten, die wir im Homeoffice machen, von Künstlicher Intelligenz übernommen werden könnten. Für die Entwicklung müssen wir die Studierenden vorbereiten. Dabei müssen wir aber nicht nur den Umgang mit KI vermitteln, sondern auch das, was KI nicht kann. Etwa, wie wir miteinander vertrauensvoll umgehen, um gemeinsame Ziele zu erreichen. Wie sie auf ihre individuellen Stärken vertrauen, diese ausbauen und persönlich wachsen. Die Lehre muss zukünftig weiterhin Wissen, Technologien und Fähigkeiten vermitteln - aber vor allem auch das, was uns als Menschen ausmacht. Unser Denken, Handeln und Tun.
Meine Lehre soll auch zukünftig Studierende befähigen, die Welt positiv zu gestalten.
Lieber Professor Michelis, herzlichen Dank für das Interview.