Seit diesem Semester ist Dr. Monika Brückner-Gühmann Professorin für Lebensmitteltechnologie am Campus Bernburg. Ob pflanzenbasierte Käsealternativen, nachhaltige Produktentwicklung oder kreative Projekte mit echten Start-ups: ihre Lehre verbindet Theorie und Praxis auf Augenhöhe. Im Interview spricht sie über Gleichberechtigung in der Wissenschaft, Selbstvertrauen im Studium und darüber, wie sie ihre Studierenden ermutigen möchte, eigene Wege zu gehen.
Frau Dr. Brückner-Gühmann, Sie unterrichten die Grundmodule der Lebensmittelverarbeitung. Worauf können sich Ihre Studierenden in den ersten Semestern bei Ihnen freuen?
Genau, im Moment gebe ich vor allem Grundlagenveranstaltungen im Bachelor Ökotrophologie und im Master Food and Agribusiness. Ich versuche dabei, möglichst viele praktische Bezüge herzustellen. Es geht mir nicht nur darum, Fakten zu vermitteln, sondern ein echtes Verständnis für Prozesse, Zusammenhänge und die Anwendung im echten Leben zu fördern. Ich arbeite viel mit Beispielen aus der Praxis und integriere Übungen im Labor. Und ich merke, dass die Studierenden das sehr schätzen. Im Sommersemester geht es dann stärker in Richtung Produktentwicklung. Darauf freue ich mich besonders, weil wir dort in kleinen Gruppen arbeiten und auch kreativ werden können.
Sie haben lange an der TU Berlin gearbeitet, zuletzt in einem Start-up. Wie prägt das Ihre Lehre?
Ich bringe aus beiden Welten viel mit. An der TU Berlin habe ich in der Lehre und Forschung viele Jahre mit dem Fokus auf pflanzliche Alternativen, Proteinstrukturierung und Produktentwicklung gearbeitet. Im Start-up ging es darum, wirklich neue Produkte auf den Markt zu bringen, etwa Käsealternativen auf Basis von Proteinen aus der Fermentation. Das war dynamisch, sehr praxisnah und unternehmerisch. Aus dieser Zeit nehme ich viele Fragen mit: Was brauchen Start-ups eigentlich? Was erwartet die Industrie von Hochschulen? Welche Formen der Zusammenarbeit funktionieren? Davon profitieren Studierende unmittelbar, weil ich einerseits Kontakte in die Branche mitbringe und andererseits für angewandte Forschung brenne. Das fließt direkt in meine Lehre ein.
Kann man sich die Zusammenarbeit zwischen der Start-up-Welt und der Hochschule wie ein gegenseitiges Geben und Nehmen vorstellen?
Ja, genau das ist mein Ziel, diese Verknüpfung auszubauen. Berlin ist nicht weit, da lassen sich Kooperationen gut anbahnen. Industrievertreterinnen und -vertreter könnten nach Bernburg kommen, um direkt zu sehen, was wir hier im Studium machen. Unsere Ausstattung ist hervorragend. Und sie könnten den Studierenden zeigen, welches Know-how und welche Denkweise in der Praxis gebraucht werden. Ich möchte auch mit dem Gründungszentrum der Hochschule zusammenarbeiten und prüfen, was man hier vor Ort umsetzen kann. Denkbar wäre zum Beispiel eine Tagung für Nachwuchswissenschaftlerinnen oder eine Konferenz, bei der Studierende und Industrie in den Austausch treten. Besonders spannend fände ich auch eine Art Reallabor mit Verbraucherinnen und Verbrauchern – wo die Produkte, die wir entwickeln, probiert und diskutiert werden. Etwa mit der Frage: „Schmeckt das?“, oder „Lässt sich das zu Hause überhaupt umsetzen?“ Ich möchte diese Arbeit also nach außen öffnen: nicht nur zur Industrie, sondern auch zur Gesellschaft.
Gibt es Themen oder Projekte, in die sich Studierende bei Ihnen konkret einbringen können?
Ja, auf jeden Fall. Mein Hauptinteresse liegt bei der Entwicklung nachhaltiger, pflanzenbasierter Lebensmittel. Das können klassische Milchersatzprodukte sein, aber auch neue Konzepte auf Basis regionaler Rohstoffe. Besonders interessieren mich klimaresiliente Pflanzen, also Sorten, die gut mit veränderten Anbaubedingungen zurechtkommen und wie man sie sinnvoll verarbeiten kann. Der Standort Bernburg bietet dafür ideale Bedingungen, da bietet sich eine Zusammenarbeit mit der Landwirtschaft an. Unsere Labore sind sehr gut ausgestattet: vom Sensoriklabor über das Biotechnikum ist alles vorhanden, was man braucht, um kreative, praxisnahe Projekte umzusetzen.
Was ist Ihnen bei Projekt- und Abschlussarbeiten wichtig?
Mir ist wichtig, dass die Studierenden bei mir nicht nur mitarbeiten, sondern auch ihre eigenen Ideen entwickeln und umsetzen. Ich gebe Impulse und Themenvorschläge, aber sie sollen lernen, selbstständig zu arbeiten. Denn das ist eine zentrale Kompetenz, die sie später in der Industrie auch brauchen werden. Gleichzeitig begleite ich sie eng: mit klaren Meilensteinen, regelmäßigem Feedback und offenen Gesprächen. Ich sehe mich in diesen Prozessen als eine Art Sparringspartnerin, die hilft, Projekte voranzubringen und gemeinsam zu reflektieren.
Was möchten Sie Ihren Studierenden neben dem Fachwissen mit auf den Weg geben?
Ich wünsche mir, dass sie Selbstvertrauen entwickeln. Dass sie ihre Stärken entdecken und lernen, eigene Wege zu gehen. Fachwissen ist wichtig, keine Frage. Aber genauso wichtig ist es, mit Unsicherheit umgehen zu können, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen. Ich hatte selbst Professorinnen und Professoren, die mir genau das gezeigt haben. Wenn ich für meine Studierenden ein ähnliches Vorbild sein kann, wäre das für mich ein großes Kompliment.
Sie engagieren sich auch für die Förderung von Nachwuchswissenschaftlerinnen. Warum ist Ihnen das wichtig?
Ich habe zwei Kinder und weiß aus eigener Erfahrung, wie herausfordernd es ist, Familie und wissenschaftliche Karriere zu vereinbaren. Gerade für Frauen ist das oft noch eine Hürde, die mit vielen Zweifeln verbunden ist. Deshalb möchte ich zeigen, dass beides möglich ist. Ich sehe mich hier auch in der Verantwortung, aktiv zur Verbesserung von Rahmenbedingungen beizutragen: durch gezielte Programme, Mentoring oder einfach durch den offenen Austausch über Erfahrungen. Ich möchte jungen Menschen Mut machen, eigene Wege zu gehen, und ihnen zeigen, dass sie sich nicht zwischen Wissenschaft und Familie entscheiden müssen, sondern beides leben können, wenn sie das möchten.
Vielen Dank für das Gespräch.