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Neu Berufen: Prof. Dr.-Ing. Gunnar Schulz-Lehnfeld

  • Ein lächelnder, äl sulle Mann mit kurz geschnittenen weißen Haaren, blau­en Augen und leichtem Bart steht selbstbewusst lächelnd posierend da. Er trägt eine dunkle Jacke über einem grauen Pullover. © Hochschule Anhalt/Uwe Jacobshagen

„Selbst das vermeintlich „hässlichste“ Haus wird interessant, wenn man sich drei Monate intensiv damit beschäftigt“, sagt der neue Professor für Denkmalpflege und Bauen im Bestand am Campus Dessau der Hochschule Anhalt, Prof. Gunnar Schulz-Lehnfeld. Er spricht über die Wertschätzung für bestehende Gebäude, und warum gute Planung immer mit sorgfältigem Hinschauen beginnt. Außerdem erklärt er, was ihm als Direktor des internationalen Masterprogramms „Architectural and Cultural Heritage (M.A.)“ wichtig ist.

 

Herr Schulz-Lehnfeld, wie würden Sie Ihre eigene Herkunft beschreiben – sind Sie eher Forscher, Praktiker oder Vermittler?

Ich komme ursprünglich aus der Architektur und dem Entwerfen, habe aber viele Jahre in der Bauforschung gearbeitet. Gleichzeitig war ich immer in der Praxis tätig: in Architekturbüros, in der Denkmalpflege und in Sanierungsprojekten. Diese Kombination prägt meine Sichtweise. Ich weiß, wie wichtig es ist, früh die richtigen Fragen zu stellen, am besten direkt am Gebäude. Denn viele Probleme entstehen erst, wenn man die vorhandene Struktur nicht genau verstanden hat.

 

Was bedeutet dieses „genaue Hinschauen“ konkret?

Wir verlieren über Gebäude oft schneller Wissen, als uns bewusst ist. Nach wenigen Jahren weiß man manchmal schon nicht mehr genau, welche Materialien verwendet wurden oder wie eine Konstruktion tatsächlich aufgebaut ist. Dann wird es schwierig, zum Beispiel eine energetische Bewertung vorzunehmen oder Umbauten solide zu planen. Plötzlich tauchen Dinge auf, die vorher niemand gefragt hat und es wird teuer oder kompliziert. Bauforschung heißt für mich, die Schichten eines Gebäudes zu entschlüsseln, Bauphasen und Veränderungen zu erkennen und zu verstehen, bevor man eingreift. Das ist die Grundlage für jede Entscheidung.

 

Geht es Ihnen dabei vor allem um sehr alte Häuser?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe an romanischen Kirchen gearbeitet, aber auch an Fachwerkbauten, zum Beispiel in Goslar und an Gebäuden aus der Nachkriegszeit. Entscheidend ist nicht das Alter, sondern die Herangehensweise. Jedes jüngere Gebäude kann kulturhistorisch ebenso wichtig sein oder konstruktiv spannend. Jede Planung sollte mit dem Verstehen des Bestands beginnen.

 

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit und Recycling in Ihrem Fachgebiet?

Eine sehr große. Viele vorindustrielle Bauweisen sind in ihrer Materiallogik erstaunlich nachhaltig: Sie sind reversibel, reparierbar und bestehen aus klar trennbaren Baustoffen. Mit der Industrialisierung kamen immer mehr Misch- und Verbundstoffe, Kleber, Schäume; Materialien, die sich nicht mehr ohne Zerstörung trennen lassen. Das macht Sanierungen und Recycling schwierig. Deshalb ist mein Ansatz: reversibel denken, also so bauen, dass Eingriffe rückgängig gemacht werden können. Bestehendes sollte nicht automatisch ersetzt, sondern weiterentwickelt werden.

 

Der Ausbau erneuerbarer Energien – etwa Photovoltaik – ist im Denkmal oft umstritten. Wie sehen Sie das?

Da hat sich einiges getan. In Bundesländern wie Niedersachsen werden erneuerbare Energien inzwischen vorrangig geprüft, ohne dass die historische Substanz darunter leidet.
Entscheidend ist die reversible Montage und eine sensible Integration. So lässt sich Klimaschutz mit Denkmalschutz vereinbaren. Ich finde, das ist eine sehr positive Entwicklung.

 

Welche Lehrveranstaltungen übernehmen Sie aktuell?

Ich unterrichte im internationalen Masterprogramm Architectural and Cultural Heritage die Vorlesung „Fundamentals in Architecture Theory and Heritage Conservation“. Die Studierenden kommen aus ganz unterschiedlichen Disziplinen, Architektur, Bauingenieurwesen, Kunstgeschichte, und aus vielen Ländern. Diese Vielfalt ist eine große Bereicherung, stellt uns aber auch vor Herausforderungen. Wir müssen Grundlagen vermitteln, zugleich aber über unser eigenes Denken sprechen: über eurozentrische Perspektiven, über andere Baukulturen, über die Frage, was eigentlich als „Erbe“ gilt.

Können Sie ein Beispiel für ein aktuelles Projekt nennen?


Ja, wir arbeiten gerade an einem Ensemble in Mosigkau, einem ehemaligen Wirtschafts- und Gutsgebäude. Zunächst geht es um eine gründliche Bestandsaufnahme: Bauphasenanalyse, Materialuntersuchung, Dokumentation. Im nächsten Schritt entwickeln die Studierenden Entwurfs- und Nutzungskonzepte, die auf diesen Ergebnissen aufbauen. Das Projekt zeigt sehr schön, wie eng Forschung, Analyse und Entwurf zusammenhängen. Ein Semester ist dafür eigentlich zu kurz, aber es ist ein Anfang, und wir wollen das langfristig weiterführen.

 

Das Masterprogramm ist international ausgerichtet. Welche Rolle spielt Sprache dabei?

Ich wünsche mir, dass sich beide Seiten bewegen. Natürlich sollten internationale Studierende Deutsch lernen, um sich im Alltag und in der Praxis zurechtzufinden. Aber auch wir Lehrenden sollten unsere Veranstaltungen in Englisch anbieten, damit Wissen zugänglich bleibt und Barrieren abgebaut werden.
Am Ende geht es darum, miteinander ins Gespräch zu kommen, und das funktioniert oft schon mit ein paar Brocken auf beiden Seiten erstaunlich gut.

 

Was möchten Sie Ihren Studierenden grundsätzlich mitgeben?

Neugier und Genauigkeit. Ich möchte, dass sie lernen, ein Gebäude wirklich zu verstehen, es zu beobachten, zu zeichnen, zu dokumentieren und Fragen zu stellen. Wenn man sich über längere Zeit ernsthaft mit einem Bauwerk beschäftigt, entdeckt man Zusammenhänge, die man am Anfang nicht gesehen hat.

Ich sage oft: Selbst das vermeintlich „hässlichste“ Haus wird interessant, wenn man sich drei Monate intensiv damit beschäftigt. Diese Art der Auseinandersetzung führt zu Wertschätzung, und sie ist die Grundlage für verantwortungsvolles Arbeiten im Bestand.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Prof. Schulz-Lehnfeld!

Kontakt

Prof. Dr. Gunnar Schulz-Lehnfeld

Redaktion

Veronika Rivera