„Was kann man aus Hochmoormoos noch machen?“ Mit dieser Frage beschäftigt sich Alexander Bieß seit einem Projekt zur vertikalen Begrünung in Magdeburg Neustadt. Dort setzte er das Moos als Substrat ein. Aus dieser Erfahrung entstand eine Idee, die heute deutlich weiter reicht. Sie verbindet Moorschutz, Biodivesität, Landwirtschaft und die Entwicklung biobasierter Baustoffe. Um angebaute Biomasse von wiedervernässten Moorflächen systematisch zu nutzen, entwickelte er das Konzept für das Paludi Media Lab. An der Hochschule Anhalt fand er damit schnell Unterstützung über Fachgrenzen hinweg.
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Paludikultur Baustoffe: Wie die Idee zu einer neuen Wertschöpfung entstand
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© hochschule anhalt | uwe jacobshagen
Gepresste Paludikultur als Ausgangspunkt für eine neue Wertschöpfungskette im mitteldeutschen Revier.
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Paludikultur Baustoffe im mitteldeutschen Revier?
Alexander Bieß hat Systemtechnik und Technische Kybernetik studiert. Vereinfacht gesagt, betrachtet er einzelne Aspekte als zusammenhängendes System und bringt sie zusammen. Mit dieser Denkweise hat er bereits verschiedene Projekte regional wie überregional umgesetzt, darunter die „Living Wall“ am Heizhaus einer Magdeburger Wohnungsgenossenschaft.
Seit einigen Monaten wirkt Alexander Bieß an der Hochschule Anhalt in verschiedenen Projekten wie dem „Reallabor ZEKIWA“ mit. Gemeinsam mit Forschenden aus unterschiedlichen Fachrichtungen entwickelt er biobasierte Baustoffe aus Paludikultur-Biomasse und baut ein Netzwerk auf, das langfristig als Verbund verstetigt werden soll: das Paludi Media Lab. Der Anstoß kam aus einer Beobachtung, die viele Regionen betrifft: Seitdem Moore verstärkt wiedervernässt werden, stellen sich neue Fragen zu deren Bewirtschaftung. Wenn hier nicht mehr Getreide oder Gras, sondern Moos wächst: Wie sollen diese Paludikulturen genutzt werden? „Nassbewirtschaftete Flächen müssen sich rentieren“, sagt der 43-Jährige. Der Schlüssel seien passende Wertschöpfungsketten, die es für solche Rohstoffe bislang kaum gibt. Außerdem hat mich dekarbonisierte Architektur schon immer fasziniert“, erklärt Alexander Bieß seinen persönlichen Antrieb das Paludi Media Lab zu gründen.
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Wiedervernässte Moore brauchen Wertschöpfung
Die Rahmenbedingungen für sein Vorhaben sind aktuell gut: Ein Großteil der in Deutschland vorhandenen Moore sind trockengelegt und verursachen jährlich etwa 7,5 Prozent der deutschen Treibhausgasemissionen. Deshalb stellt das sogenannte Palu-Förderprogramm des Bundesumweltministeriums bis Ende 2029 rund 1,75 Milliarden Euro bereit, um 90.000 Hektar wieder zu vernässen und mit Paludikultur zu bewirtschaften. „Daraus ergeben sich ganz andere Erträge und Betriebsmodelle mit bislang zu wenigen tragfähigen Wertschöpfungsstrategien“, sagt Bieß. Genau hier setzt das Paludi Media Lab an: „Es geht mir darum, im Mitteldeutschen Revier eine Wertschöpfungskette zu etablieren und damit eine neue Perspektive für die Strukturwandelregion zu schaffen.“
Die Idee dahinter ist einfach: Werden die Pflanzen wirtschaftlich genutzt, schafft das auch gute Perspektiven für die wiedervernässten Flächen. „Mit dem Paludi Media Lab soll eine Systematik, ein Prozess geschaffen werden, der aus diesen Rohstoffen industriell nutzbare, normgerechte Baustoffe macht und sich auf größere Mengen skalieren lässt“, erklärt Bieß.
Und dafür konnte er inzwischen Akteure gewinnen, die sich mit Baustoffentwicklung, Materialprüfung, Anwendungsbeispielen und Logistik beschäftigen. Auch Partner aus der industriellen Faser- und Regelungstechnik sowie das Netzwerk „Forum Rathenau“ konnte er als Partner gewinnen.
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Paludikultur Baustoffe: Erste Versuche
In den Laboren der Hochschule hat Alexander Bieß bereits erste Versuche mit dem Ziel durchgeführt, aus Paludi-Biomasse Baustoffe herzustellen. Geholfen hat ihm dabei seine Arbeit in der Building Envelope Research Group von Prof. Dr. Stefan Reich. Zum Einsatz kam dazu das sogenannte Binderless-Board-Verfahren. Dabei wird die Biomasse unter hohem Druck sowie bei Temperaturen von rund 180 Grad Celsius verarbeitet. Durch Druck und Wärme wird das natürliche Bindemittel Lignin aktiviert, das in Pflanzen vorkommt und dazu beiträgt, Fasern zusammenzuhalten. Auf zusätzliche synthetische Klebstoffe kann verzichtet werden.
Auf diese Weise entstanden bereits erste Ansätze für Innenausbauplatten. Derzeit lassen sich Formate von etwa 25 mal 35 Zentimetern herstellen. Für Anwendungen in der Bauindustrie ist das noch zu wenig. Zudem reagieren die Platten bislang empfindlich auf Feuchtigkeit. Die Ergebnisse reichen jedoch aus, um die Forschung weiterzuführen. Alexander Bieß: „Langfristiges Ziel sind zertifizierte Produkte, die sich in bestehende Wertschöpfungsketten integrieren lassen.“
Parallel dazu entsteht eine morphologische Matrix. Sie dient als systematische Übersicht darüber, welche Ausgangsstoffe sich mit welchen Verfahren zu bestimmten Baustoffen verarbeiten lassen. Diese Methodik beschreibt Bieß als einen Kern seiner Arbeit. Sie soll dabei helfen, unterschiedliche Formen von Moorbiomasse gezielt für die Entwicklung biobasierter Baustoffe zu erschließen.
Resonanz aus Öffentlichkeit und Fachwelt
In den vergangenen Monaten hat Alexander Bieß seine Idee in verschiedenen Formaten vorgestellt. Dazu gehörten die Teilnahme an der Open Academy von Science2Public, Veranstaltungen auf dem Forschungsschiff „Make Science“ mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und Gesellschaft sowie Gespräche mit Verbänden wie der Architekten- und Ingenieurkammer. Außerdem sind seine Pläne für einen Biomasseverteiler-Hub und Gründungen konkreter geworden.
Das Paludi Media Lab befindet sich weiterhin in einer frühen Entwicklungsphase. Die Resonanz ist dennoch positiv. Viele Akteurinnen und Akteure beschäftigen sich derzeit mit der Frage, wie sich Klimaschutz, regionale Wertschöpfung und nachhaltige Baustoffe miteinander verbinden lassen. Das Paludi Media Lab liefert dafür einen konkreten Ansatz und stellt die zentralen Fragen: Wie entstehen aus Biomasse wiedervernässter Moore biobasierte Baustoffe? Und welche Prozesse sind dafür notwendig?
© alexander bieß
Claudia Aldinger
Alexander Bieß... ist für Nachfragen und Anfragen erreichbar unter Tel.: +49 Tel.: +49 (0) 3471 355 1639 oder per E-Mail: alexander.biess(at)hs-anhalt.de.
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