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Stauden im Stress: Gärten an den Klimawandel anpassen

  • Symbolbild Staudengarten im Klimawandel zeigt rot und lila blühende Pflanzen auf sandigem Untergrund und im Hintergrund parkende Autos an der Hochschule Anhalt © hs anhalt | kircher

Hitzewellen, Trockenheit, Starkregen – wie überleben Stauden den Klimawandel? Prof. Dr. Wolfram Kircher erklärt auf dem Klimablog der Hochschule Anhalt, was einen widerstandsfähigen Garten ausmacht. Seine Expertise im Fach Botanik bringt er in zahlreiche Projekte auf und außerhalb des Campus' Bernburg-Strenzfeld ein. Mit seinem Team betreut er die Strenzfelder Schau- und Lehrgärten, testet Neuzüchtungen für den deutschsprachigen Markt und er war einer der ersten, der Staudenmischpflanzungen für Landschaftsgärtner und Grünflächenämter entwickelt hat – einen vereinfachten Ansatz, um Bepflanzungen zu planen.

Generell gilt es, das ökologische Optimum der Pflanzen zu beachten: Unter welchen Standortfaktoren kommt eine Sorte in der Natur vor. Und das mache ich mir dann zunutze.

Prof. Dr. Wolfram Kircher

Herr Prof. Kircher, wie reagieren Stauden auf klimatische Veränderungen wie langanhaltende Trockenheit und extreme Hitze?

Zunächst plädiere ich dafür, Stauden nicht isoliert zu betrachten, sondern auch verholzende mehrjährige Pflanzen einzubeziehen, die mit Stauden gut kombiniert werden können. Das gilt gleichermaßen für einjährige Pflanzen. Bei allen unterscheiden wir in der Botanik Strategien, um mit Stress umzugehen. Es gibt die R-Strategen, benannt nach ruderalen Standorten, die durch den Eingriff des Menschen oder in der Natur durch Tiere wie Wildschweine oft gestört werden. Sie bieten schnell wachsenden Pflanzen wie Ackerwildkräutern, aber auch dem Getreide und Gemüsepflanzen ideale Voraussetzungen. Daneben gibt es die Strategien "C" und "S" – benannt nach den Wörtern "Competition", also Wettbewerb, und "Stress" bzw. Stress-Toleranz-Strategie. C-Strategen können sich gut durchsetzen und Unkraut verdrängen, mögen Trockenheit aber meistens nicht und müssen gut mit Wasser versorgt werden. Dazu gehören klassische Prachtstauden wie die Sonnenhut-Arten.

Das heißt, Sie empfehlen die S-Strategen?

Ja, wobei man bei jeder Art immer genau schauen muss, welche Stressfaktoren sie toleriert. Es gibt gerade unter den S-Strategen Arten, die sehr gut mit Trockenheit umgehen können. Sie brauchen allerdings auch länger als andere, um zu wachsen, schöne Vergemeinschaftungen zu bilden und ein ansprechendes Gesamtbild ergeben. Aber dafür muss ich sie nicht gießen bzw. nur in der ersten Vegetationsperiode, bis sie gut verwurzelt sind. Das heißt nicht, dass ich nur noch auf Kakteen setzen muss. Wir haben auch wunderschöne heimische Arten, die sich auf Trockenrasen oder Halbtrockenrasen entwickelt haben: zum Beispiel der Diptam oder der Blutrote Storchschnabel und auch die Traubige sowie die Ästige Graslilie, die sogar auf dem Dachgarten gut wachsen. Vor allem die Ästige Graslilie ist für den Spätsommer interessant, weil in dieser Zeit nicht so viele heimische Arten blühen. Für die Blüte im Frühsommer würde ich den Rauen Alant empfehlen. Wer die Farbe Blau mag, nimmt die Pfirsichblättrige Glockenblume. Sehr gern empfehle ich auch die Schneeheide, die sehr lange blüht, und dies sogar im Winter.

  • Symbolbild Staudengarten im Klimawandel zeigt bunt blühende Pflanzen und hohe Gräser vor einem Gebäude der Hochschule Anhalt © hs anhalt | kircher
  • Symbolbild Staudengarten im Klimawandel zeigt lila blühende Pflanzen in einem Gewächshaus der Hochschule Anhalt © hs anhalt | kircher

Pflanzenverwendung und Vegetationstechnik im urbanen Raum: Dazu forscht die Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Wolfram Kircher am Campus Bernburg-Strenzfeld der Hochschule Anhalt. Auch neue Sorten werden hier getestet.

Sind heimische Arten generell besser dazu geeignet Gärten an den Klimawandel anzupassen?

Ich plädiere dafür, gerade bei den Sommerblühern, sich auch an anderen Teilen der Welt zu orientieren. Natürlich nicht in der Landschaft, sondern wirklich im Siedlungsgrün. Es ist durchaus auch für die Insekten sinnvoll, mal den einen oder anderen Nordamerikaner aus den trockenen Prärien dazu zu nehmen. Insbesondere die von dort stammenden Astern blühen im August, September bis spät in den Herbst hinein. Sie passen auch sehr gut zu den genannten heimischen Arten. Eine meiner Lieblingspflanzen ist die Asternsorte "Dark Pink Star", die ihren Ursprung in der Prärie hat, sehr trockenheitsverträglich ist, aber wiederum Dünger braucht. Das ist bei Zuchtformen oft der Fall.

Beobachten Sie schon jetzt Gattungen, die den Bedingungen nicht mehr standhalten werden?

Ja, dazu gehört vor allem der Rittersporn, eine sehr beliebte Gartenpflanze. Allerdings: Es gibt Sorten, in die der Steppenrittersporn eingekreuzt ist und die deshalb etwas mehr Hitze vertragen. Aber alle Gattungen, die eher aus feuchten, kühleren Bereichen kommen, also Hochgebirgspflanzen, sind schwierig. Dazu zähle ich auch den Phlox. Aber auch hier muss man differenzieren: Wer den Phlox mag, kann auf neue Sorten hoffen, die wir in Bernburg-Strenzfeld auch für den Arbeitskreis Staudensichtung im Test hatten. Die Phlox paniculata-Sorten "Christine" und "Minnehaha" gehörten zu den Gewinnern. Wer nach den besten Sorten für seinen Garten sucht, kann sich auf der Internetseite www.staudensterne.de des Bundes deutscher Staudengärtner alle getesteten Sorten anschauen und nach Sterne-Kategorien auswählen.

Fassadenbegrünungen sind eine Chance für urbane Räume, aber auch eine Herausforderung. Was zu beachten ist, erklärt Prof. Dr. Wolfram Kircher in diesem Video.

Wie steht es um Rosen?

Rosen sind grundsätzlich Tiefwurzler und können sich die Feuchtigkeit notfalls tief aus der Erde holen. Bei Rosen ist allgemein die Krankheitsempfindlichkeit das Problem. Und die steigt mit Stressfaktoren wie Hitze. Ich empfehle auch hier auf geprüfte Sorten zurückzugreifen. Die Allgemeine Deutsche Rosenneuheitsprüfung "ADR" schafft eine gewissen Sicherheit, welche Sorten mit unseren klimatischen Bedingungen gut zurechtkommen, nachzulesen unter www.adr-rose.de.

Gibt es eine Art goldene Regel, die man beim Anlegen von Staudengärten beachten sollte?

Generell gilt es, das ökologische Optimum der Pflanzen zu beachten: Unter welchen Standortfaktoren kommt eine Sorte in der Natur vor. Und das mache ich mir dann zunutze.

Sie hatten schon eine Lieblingspflanze aus Ihrem eigenen Garten angesprochen. Gibt es weitere?

Das ist schwer, weil mir sehr viele sehr gut gefallen. Aber im Winter gehörte auf jeden Fall der Spaltgrifel (Hesperantha coccinea) dazu, der ab September bis weit in den Januar an einem unserer Schwimmteiche blühte. Faszinierend finde ich auch Echinocereus reichenbachii an unserer Trockenwand – ein Kaktus, der auf flachgründigen Böden in Texas wächst und bis zu minus 30 Grad aushält.

Informationen & Kontakt

Prof. Dr. Wolfram Kircher

...lehrt und forscht am Fachbereich Landwirtschaft, Ökotrophologie und Landschaftsentwicklung der Hochschule Anhalt. 

 

Weitere Informationen zum Thema Stauden

Der Arbeitskreis Staudensichtung hat eine eigene Website und stellt dort Informationen zur unabhängigen Prüfung der Neuzüchtungen und Ergebnisse vor: https://www.staudensichtung.de/ak-staudensichtung-sichtungsstandorte.html. Nach passenden Stauden suchen kann man auf der Website www.staudensterne.de.

 

Ein „Staudenplaner“ für das Anlegen von Staudengärten, der auch die Konzepte von Prof. Dr. Wolfram Kircher und seines Teams aufgreift, kann auf dieser Website bestellt werden: https://staudenring.com/stauden-planer.html

Redaktion

Claudia Aldinger

Prof. Dr. Wolfram Kircher

... ist für Nachfragen und Anfragen erreichbar unter Tel.: +49 (0) 3471 355 1150  oder per E-Mail: wolfram.kircher(at)hs-anhalt.de

... aktuelle Projekte auf der Website seiner Arbeitsgruppe Galabau und Pflanzenverwendung.

... mehr über seine Themen und Aufgaben an der Hochschule Anhalt am Ende des Interviews.