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Was passiert, wenn Forschung auf die Straße geht?

  • Drei Personen stehen an einem roten Infostand mit dem Logo der Hochschule Anhalt. Eine Frau in weißem Kleid und zwei Männer in schwarzen Shirts unterhalten sich, während einer der Männer Informationsmaterialien aushändigt. Im Hintergrund sind weitere Besucher und ein Zelt zu sehen. © hochschule anhalt | uwe jacobshagen
    Wasserstoff erklärt: Viele Besucherinnen und Besucher des Sachsen-Anhalt-Tages nahmen sich Zeit für Wissenschaft.

Drei Tage Sachsen-Anhalt-Tag in Bernburg Anfang Juni. Zehn Kreativwerkstätten. Hunderte  Gespräche mit Menschen, die keine Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind, aber trotzdem viele  Fragen hatten. Die Hochschule Anhalt war dabei. Vier Teams berichten, was sie erlebt haben.

"Warum machen wir das nicht längst?"

Diese Frage hörte das Team H2HUB am häufigsten. 

Das Team aus der wissenschaftlichen Weiterbildung zeigte an einem Modell, wie Wasser per Elektrolyse in seine Bestandteile zerlegt wird: Sauerstoff und Wasserstoff. Letzterer lässt sich speichern und später wieder in Strom umwandeln, sichtbar gemacht durch eine Brennstoffzelle. Zusätzlich startete das Team regelmäßig eine kleine Wasserstoffrakete.

Wasserstoff gilt als eine der Schlüsseltechnologien für eine Energieversorgung ohne fossile Rohstoffe. Dafür interessierte sich auch das Publikum des Sachsen-Anhalt-Tages. „Die Gespräche waren nahezu durchweg offen, das Verständnis für diese Energiequelle ist da“, sagt Mario Kabisch. Das galt besonders für Beispiele aus dem privaten Bereich, von denen er berichten konnte: zwei Personen aus seinem Netzwerk, die ihr Haus bereits auf eine entsprechende Wasserstoff-Anlage umgestellt haben. Einzelfälle, verbunden mit hohen Investitionen. Aber der Punkt war ein anderer: Es geht, wenn man will.

Funktioniert Wissenschaftskommunikation auf Festen wie dem Sachsen-Anhalt-Tag? Für das Team H2HUB war der Sachsen-Anhalt-Tag vor allem ein Ort der Akzeptanzbildung – mit vielen offenen und positiven Gesprächen. Und eine Gelegenheit, auf das Weiterbildungsangebot der Hochschule zum Thema Wasserstoffwirtschaft hinzuweisen.

„Welche helfen den Insekten am meisten?“

Am Sonntag – dem letzten Tag des Landesfestes – waren die Regale am Stand des Projekts KompetenzGrün fast leer. Viele Besucher:innen nutzten die Möglichkeit, sich eine Saatgutmischung aus regionalen Wildpflanzen selbst zusammenzustellen. Die Mitmachaktion kam sehr gut an, besonders bei Kindern. Allein am Samstag führte das Team 200 Gespräche. Positiv oder sogar sehr positiv fielen nahezu alle Rückmeldungen auf dem Evaluationsbogen aus. Ein Kind wollte sogar wissen, warum es für die Beratung kein "Sehr gut" vergeben kann, erzählt Carolin Feimer.

Die häufigste Frage: "Welche helfen den Insekten am meisten?" Sie trifft den Kern dessen, was das Projekt vermitteln will. Schon eine Wildblumenfläche im Garten oder auf dem Balkon kann einen messbaren Beitrag zur Biodiversität leisten, also zur Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten in einer Region. Wer wollte, nahm sogar Saatgut für 50 bis 100 Quadratmeter mit nach Hause, dazu Hinweise zur Ansaat und Pflege. Die Ergebnisse dieser Sonderaktion des Projekts sollen möglichst umfangreich dokumentiert werden. „Wir möchten über die Entwicklung der regionalen Wildpflanzen noch mehr herausfinden“, erklärt Feimer, „denn wir können beobachten, dass sich die städtischen Flächen je nach Standortbedingungen durchaus unterschiedlich entwickeln.“

Ihr Fazit zu der Frage, ob Wissenschaftskommunikation auf Festen wie dem Sachsen-Anhalt-Tag funktioniert: „Absolut.“ Das Interesse der Menschen an natürlichen Räumen war vielfach greifbar. Der Wille, selbst etwas zu tun, auch.

„Ist das eine Halle?“

Das fragten viele Besucher:innen am Stand von "Bauen für die Welt". Was sie auf einem Podest sahen, war ein Modell aus Holz, der Entwurf für ein Vorschulgebäude auf der Insel São Tomé vor der Westküste Afrikas.

Studierende der Hochschule Anhalt planen und bauen dieses Gebäude gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung und dem Leipziger Verein Mirador e.V. Sie übernehmen die gesamte Verantwortung: Planung, Bauleitung, Finanzierung, Fördermitteleinwerbung. Das Format heißt „Design-Build-Projekt“. Studierende arbeiten dabei nicht nur am Reißbrett, sie bauen vor Ort – und das bereits seit 19 Jahren. Die Studierenden der Hochschule Anhalt engagieren sich auf diese Weise für  Kindergärten in Südafrika über Gesundheitsstationen in Haiti bis zu Schulprojekten in Nepal.

Das Holzmodell tat am Stand das, was ein gutes Ausstellungsobjekt tun soll: Es stellte eine Frage. Und aus dieser Frage entstanden zahlreiche Gespräche, mit denen das Team anfangs nicht gerechnet hatte. Besucher:innen spendeten sogar für künftige Projekte. "Damit hatten wir am wenigsten gerechnet", sagt Prof. Dr. Claus Dießenbacher, „aber das Publikum war sehr offen und unsere Projekte und Geschichten haben offenbar viele berührt“, zieht er ein positives Resümee zu der Frage, ob Wissenschaftskommunikation auch auf Landesfesten funktioniert. 

„Und wo kann ich die Stauden kaufen?“

Auf den Seiten dieses Würfels stehen keine Zahlen, sondern Pflanzen. Wer würfelt, bekommt eine Hauptpflanze für sein Staudenbeet. Das Team um Prof. Dr. Wolfram Kircher sucht dann anhand von Listen passende Partnerpflanzen heraus. Eine App zeigt schließlich, wie das Beet in einem Jahr aussehen wird. Etwa zehn Minuten dauert der Durchlauf. Die häufigste Reaktion danach: "Und wo kann ich die Stauden kaufen?"

Das Team "Stadt und Landschaft gestalten" hatte vier Themenschwerpunkte vorbereitet: einen Zeichenworkshop, eine Pflanzungsplanung mit interaktivem Spiel, eine Visualisierung per Augmented Reality, also einer Technik, die digitale Inhalte ins reale Sichtfeld einblendet, und einen Bereich zur Fernerkundung mit Drohnen in der Landschaftsplanung.

Besonders gefragt waren die Gartengespräche. Besucher:innen suchten Lösungen für konkrete  Probleme: Was tun bei Beeten an Mauern? Was wächst auf trockenen Böden? Mit so vielen fachlichen Nachfragen hatte das Team nicht gerechnet. Die App wurde dabei als ernstes Planungswerkzeug und hilfreiche digitale Hilfe wahrgenommen. Fazit: Wissenschaftskommunikation funktioniert besonders gut über praktischen Nutzen. 

Was drei Tage Landesfest zum Thema Wissenschaftskommunikation lehren

Alle vier Teams ziehen dasselbe Fazit: Wissenschaftskommunikation hat am Sachsen-Anhalt-Tag funktioniert. Die Themen haben die Menschen dort abgeholt, wo sie stehen, im Garten, im Energiehaushalt, in der Frage, wie Bildung in strukturschwachen Regionen aussehen kann.

Drei Beobachtungen lassen sich als Empfehlung festhalten:

Mitmachen schlägt Zuschauen. Saatgut selbst mischen, würfeln, zeichnen, die VR-Brille aufsetzen. Wer etwas tut, kommt ins Gespräch. 

Das richtige Objekt stellt die richtige Frage. Das Holzmodell, der Pflanzenwürfel, die Elektrolyse-Demonstration haben alle Fragen ausgelöst, die das Team dann beantworten konnte. Das Objekt übernimmt den Einstieg. Das funktionierte auch besonders gut am Stand von „Wissenschaft im Dialog“. Die Hochschulrektorenkonferenz präsentierte sich in Bernburg mit ihrem Format „Wissenschaft – und ich?!“. Thematischer Anker war jeden Tag ein anderer: angefangen vom Algen-Schafsmilch-Eis über 3D-Modelle aus Metall bis zur App „MeineWaldKI“.

Akzeptanz entsteht im Gespräch. Broschüren kann man mitnehmen oder liegenlassen. Für das Verständnis von Forschung bleibt  das persönliche Gespräch ein wichtiges Instrument. Selbst auf Festen wie dem Sachsen-Anhalt-Tag, wo Wissenschaft nicht im Vordergrund steht. 

 

Die Hochschule Anhalt war beim Sachsen-Anhalt-Tag 2026 in Bernburg mit zehn Kreativwerkstätten vertreten. Mehr erfahren: Home | Hochschule Anhalt

Redaktion

Claudia Aldinger