Von der Naturfreundejugend über Bosch bis zur Promotion: Carolin Rautenberg verbindet Wirtschaft, Informatik und Nachhaltigkeit. Sie arbeitet an Lösungen, die datengetriebene Nachhaltigkeit in Unternehmen möglich machen. Im Interview auf dem KlimaBlog der Hochschule Anhalt erklärt sie, warum das Feld mehr Wissenschaft braucht und wie digitale Systeme den sozio-ökologischen Wandel vorantreiben können.
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Wenn Daten den Wandel steuern: Wie digitale ESG-Systeme Unternehmen transformieren
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Niemand scheint die Erfolge dieser Software für die nachhaltige Unternehmens-Transformation zu messen. Ich will aber genauer wissen, ob sich durch die Nutzung von Daten tatsächlich etwas ändert.
Carolin Rautenberg
Frau Rautenberg, Sie haben einen ungewöhnlichen Werdegang: Wirtschaftsabitur, Freiwilliges Ökologisches Jahr, BWL-Studium bei Bosch, Master zu Technology Management, Engagement für Umweltbildung in Tansania. Wie führten diese verschiedenen Erfahrungen zu Ihrer heutigen Forschung über digitale ESG-Systeme?
Ich denke, es war auch Glück dabei, weil verschiedene Entwicklungen zusammenkamen. Als ich mein kooperatives Masterstudium bei Eigenherd absolvierte, entwickelte sich gerade ein Markt für ESG-Managementsoftware. Die EU hatte neue Gesetze vorgelegt, auf die Unternehmen reagieren mussten – sowohl in Bezug auf die nachhaltige als auch auf die digitale Transformation. Eigenherd hatte bereits viel Erfahrung mit datenbasierten Lösungen und das Thema Nachhaltigkeit begleitete mich schon immer. So kam ich zu dem Thema meiner Masterarbeit: Mit der Softwarelösung von Salesforce für ESG-Datenmanagement ein Geschäftsmodell für die Einführung und erfolgreiche Nutzung solcher ESG-Management-Software zu entwickeln, sodass Unternehmen ihre Nachhaltigkeitsinitiativen datengetrieben erfolgreich steuern können: Nachhaltigkeit as a Service.
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Bei Eigenherd GmbH haben Sie Lösungen entwickelt, um ESG-Software in der Unternehmenspraxis zu implementieren. Können Sie konkret erklären: Was machen digitale ESG-Systeme und warum brauchen Unternehmen solche Tools?
Damit werden in der Basis Nachhaltigkeitsdaten erfasst, wie Energieverbräuche, Emissionen, Abfalldaten. Aber auch aus dem Sozialen und Governance Bereich, wie zum Beispiel Altersstruktur der Belegschaft oder Korruptionsvorfälle. Daher spricht man von ESG-Software, da Nachhaltigkeit in den drei Säulen E – Ecologic (ökologisch), S – Social (Sozial) und G – Governance (ordnungsgemäße Unternehmensführung) erfasst wird. Solche ESG-Softwares haben mittlerweile die Kapazität, Daten über das gesamte Unternehmen hinweg bis zur Echtzeitverarbeitung zu erfassen, zu konsolidieren, Verbrauchswerte in Emissionen zu berechnen und insgesamt ESG-Daten steuerungsrelevant für die Managementebene zu visualisieren. Da damit über eine reine Berichterstattung hinaus das Steuern von Nachhaltigkeit ermöglicht wird, spricht man auch von ESG-Management-Software. So haben sie das Potenzial zum echten Transformationsinstrument für eine nachhaltigere Unternehmenspraxis. Oder einfacher: Unternehmen haben nach einer Einführung solcher Software eine zentrale ESG-Datenquelle, anhand derer sie Maßnahmen gezielt definieren können und, so die Theorie, erfolgreich Impact generieren.
Sie haben sich für eine Promotion entschieden, um mehr Wissenschaftlichkeit in das Feld zu bringen. Warum ist das aus Ihrer Sicht notwendig?
Im Rahmen meiner Masterarbeit und Vertriebsaktivität im letzten Jahr als Spezialistin für eine ESG-Management-Software habe ich mit zahlreichen Nachhaltigkeitsmanager:innen gesprochen, mir ein Netzwerk aufgebaut und dabei festgestellt, dass die Welt der Softwarelösungen für die digitale und nachhaltige Transformation stark vertrieblich geprägt ist. Es gibt kaum Forschung zu diesem Thema. Dabei sind bis zu 15.000 Unternehmen allein in Deutschland direkt und indirekt von einer verpflichtenden Erfassung von ESG-Daten betroffen. Was nur für Deutschland zu einem Markt von aktuell schätzungsweise 200 Anbietern solcher ESG-Management-Software geführt hat. Und niemand scheint die tatsächlichen Erfolge dieser Software für die nachhaltige Unternehmens-Transformation zu messen. Ich will aber genauer wissen, ob sich durch die Nutzung von Daten tatsächlich etwas im Nachhaltigkeitsmanagement verändert. Dieses Bedürfnis nach mehr Forschung für die Praxis besteht auch in meinem Netzwerk und auf Konferenzen. Der Bedarf nach mehr Wissenschaftlichkeit ist enorm.
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Ihre Dissertation untersucht den potenziellen Beitrag solcher ESG-Management-Software für die sozial-ökologische Unternehmenstransformation. Welche ersten Erkenntnisse zeigen sich?
Aktuell schreibe ich an meinem ersten Paper und kann noch nicht alles enthüllen. Aber so viel sei schon mal gesagt: Es enthält vor allem die Ergebnisse der systematischen Literaturrecherche. Darin habe ich bekannte Technologien zusammengeführt und Softwarefunktionalitäten für die Transformation abgeleitet. Dieses theoretische Gerüst bildet die Grundlage für die Tiefeninterviews, die ich ab Oktober durchführen möchte, um die Theorie mit der Praxis zu challengen und relevante Hypothesen abzuleiten. Dabei kann ich mein Netzwerk nutzen und Praxis und Forschung verbinden.
Die Promotion ist möglich durch die International Graduate Academy, einer European-Green-Deal-Initiative, an der sich die Hochschule Anhalt beteiligt. Wie sind Sie darauf gestoßen, ohne vorherige Berührungspunkte mit der Hochschule?
Das war Zufall. Ein früherer Kontakt von mir hatte die Ausschreibung für die Promotionsstelle geteilt. Die Idee, zu innovativen Ideen mit Bezug auf das Erreichen der Ziele des European Green Deal zu promovieren, hat mich sehr angesprochen. Ich konnte dann relativ schnell mit meinem Doktorvater Daniel Michelis sprechen und habe anschließend mit der Promotion begonnen.
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Sie treten öffentlich für Ihre Position ein – vom Sustainability Summit 2025 bis zur kommenden Handelsblatt Live Jahrestagung „ESG-Steuerung & Reporting“ am 22. September. Warum ist Ihnen die öffentliche Diskussion so wichtig?
Als ich begann, mich dem Thema Regulatorik und Nachhaltigkeit aus einer Datenperspektive zu widmen, weil ich mich als Expertin für eine ESG-Management-Software entwickelt habe, war ich plötzlich ganz am Anfang einer neuen Entwicklung dabei, in deren Netzwerk ich aktiv reingewachsen bin. Mit aufkommen dieser Regulatorik, der CSRD, wurde ab 2022 der Beruf der Nachhaltigkeitsmanager:innen in den Vorständen immer präsenter. CIOs und Systemarchitekten standen neben Nachhaltigkeitsprofis und mussten sich plötzlich gemeinsam verständigen. Auf der anderen Seite Systemanbieter und Nachhaltigkeitsberater. Alle mussten und müssen sich ständig austauschen und gemeinsam an dieser Herausforderung nachhaltige Transformation von Unternehmen wachsen und ich habe das unglaubliche Glück, mittendrin ein Teil dessen zu sein. Nun möchte ich dieses Netzwerk sowohl online als auch offline nutzen, um meine Forschungsergebnisse in die Praxis zu bringen. Genau das finde ich an angewandter Forschung so einzigartig und spannend. Die Einladungen zu den Panels, wie beim Sustainability Summit 2025 und zur Handelsblatt-Live-Jahrestagung, zeigen auch, dass das Interesse vorhanden ist. Wenn ich an die Öffentlichkeit gehe, erfahre ich viel Wertschätzung für meine wissenschaftliche Arbeit.
Blick in die Zukunft: Wo sehen Sie sich nach der Promotion?
Das ist eine schwierige Frage, zumal ich noch im ersten Jahr meiner Promotion bin. Eine Verbindung aus Wissenschaft und Praxis strebe ich aber auf jeden Fall auch weiterhin an. Ich bin immer wieder selbst überrascht, wie viel Mehrwert in beide Richtungen fließt. Ich verfolge eine Forschungsfrage, aus einer Lücke in der Praxis identifiziert. In der Wissenschaft gibt es einen Bedarf in der Forschung dazu und ich kann mich ESG-Management-Software wissenschaftlich nähern, Transformationsversprechen der Softwareanbieter auf den Kopf stellen und dem Thema tief und vor allem fundiert auf den Grund gehen. Forschung und Wissen aus der Theorie mit der Praxis zu teilen und in beide Richtungen damit immer wieder neu herauszufordern und im Dialog weiterzuentwickeln, sodass wirklich Veränderung entsteht. Ich denke das ist der Mehrwert, weshalb die Ergebnisse so gefragt sind und das treibt mich natürlich sehr an.
Was sind ESG-Systeme?
ESG steht für Environmental (Umwelt), Social (Soziales) und Governance (ordnungsgemäße Unternehmensführung). Diese drei Bereiche haben sich zu den Säulen nachhaltiger Unternehmensführung entwickelt. Digitale ESG-Systeme sind im engeren Sinn IT-Software-Lösungen und erheben, analysieren, visualisieren und berichten entsprechende Kennzahlen automatisiert – von CO2-Emissionen über Arbeitsbedingungen bis hin zu Compliance-Themen.
Warum ESG immer wichtiger wird
Im Kontext der Nachhaltigkeitsinitiativen der EU werden Unternehmen zunehmend die Integration und Berichterstattung von Nachhaltigkeit auferlegt. Regulatorik wie die CSRD (Corporate Sustainability Reporting) zwingen Unternehmen zur transparenten Nachhaltigkeitsberichterstattung. Investoren und Kund:innen fordern messbare Nachweise für nachhaltige Geschäftspraktiken.
Promotionsprogramm
Die vier Fachhochschulen in Sachsen-Anhalt haben sich 2024 zusammengeschlossen, um internationale Promotionen mit europäischen Partnern zu fördern. Wissenschaftliche Basis ist der European Green Deal, da alle Doktorandenzentren bereits zu Themen dieser europäischen Strategie forschen. Die International Graduate Academy – InterGrad unterstützt Dissertationen, die dieses Profil schärfen und erweitern. Mehr Informationen: https://www.hs-anhalt.de/forschen/promovieren/graduiertenakademie/intergrad.html
Eigenherd GmbH
Das Unternehmen ist seit 2017 IT Consultant Partner für Digitalisierung auf der Salesforce Platform. Im Unternehmensprojekt „Green bang“ berät und implementiert es ESG-Management-Software für ESG-Datenmanagement und Nachhaltigkeitsreporting. Die Lösung soll Unternehmen dabei helfen, ihre Nachhaltigkeitsleistung zu messen, zu steuern und zu kommunizieren.
Kontakt
Carolin Rautenberg Doktorandin im Fachbereich 2 der Hochschule Anhalt, International Graduate Academy – InterGrad
LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/carolin-rautenberg/
E-Mail: carolin.rautenberg@hs-anhalt.de
Vorträge:
- Handelsblatt Live Jahrestagung ESG-Steuerung & Reporting, 25. und 26. September 2025: https://live.handelsblatt.com/event/esg-reporting-und-steuerung/referenten/
- Sustainability Summit im Juni 2025 auf youtube: https://eigenherd.com/eigenherd-panel-transparenz-nachhaltigkeitsberichterstattung-sustainability-summit-2025
... ist für Nachfragen und Anfragen erreichbar per E-Mail: carolin.rautenberg@hs-anhalt.de oder über LinkedIn-Profil.
... promoviert zum Thema “Auswirkung von digitalen ESG-Systemen auf die sozial-ökologische Unternehmenstransformation” am Fachbereich 2 der Hochschule Anhalt. Betreuer ist Prof. Dr. Daniel Michelis.
… spricht am 25. September bei der “Handelsblatt Live Jahrestagung ESG-Steuerung & Reporting” über ihre Forschung.
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