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Die Qualität des Raumes

  • © Hochschule Anhalt/Uwe Jacobshagen

Was macht einen Raum aus – und was macht ihn gut? Für Professorin Catharina Förster ist Raum weit mehr als nur Maß und Funktion. Bereits seit 2023 lehrt sie an der Hochschule Anhalt, im Sommersemester 2025 wurde sie im Gebiet Innenraumplanung und Entwerfen zur Professorin berufen. Im Interview spricht sie darüber, warum wir Räume nicht nur planen, sondern auch erfahren und erinnern. 

Im Dialog erkennen die Studierenden, dass es nicht „den“ richtigen Weg gibt, sondern viele angemessene Lösungen, die im Kontext zur Situation entstehen.

Catharina Förster

Frau Förster, was steht im Zentrum Ihrer Lehre?

Erst einmal beschäftigt uns die Frage: Was bedeutet Raum eigentlich für mich? Raum ist zunächst der physische Raum – also Proportion, Dimension, Wegeführung, Licht, Atmosphäre. Dieses Verständnis versuche ich konkret mit den Studierenden zu erarbeiten. Aber es gibt auch Räume, die wir in uns tragen – Erinnerungsräume. Jeder bringt sein eigenes „Raumarchiv“ mit: aus der Kindheit, von Reisen, aus besonderen Situationen. Und letztlich ist Raum auch etwas sehr Verbindendes. Ein sozialer Raum, in dem wir einander begegnen. Das hat mich in meinem beruflichen Werdegang immer interessiert: Wo und wie entsteht ein gemeinsamer Raum? Manchmal ist das gar nicht der „entworfene“ Raum, sondern ein beiläufiger Moment – zum Beispiel ein Tisch mit Kerze und gemeinsamem Essen. Auch das ist ein Raum, eine Atmosphäre.

Wie vermitteln Sie dieses Raumverständnis konkret in der Lehre?

Wir fangen meist klassisch an: mit der Analyse guter Architektur – Grundriss, Schnitt, Ansicht. Dann geht es um die Übertragung: Wie kann ich das, was ich verstanden habe, in meinen eigenen Entwurf übersetzen? Es geht um ein Gespür für Raum. Welche Anmutungen entstehen dabei? Ist zum Beispiel ein Raum eher getragen und gravitätisch oder leicht und heiter?

Das hat jeder schon einmal empfunden. Aber es bewusst zu erfassen und zu analysieren – das ist die Aufgabe von Architektinnen und Architekten. Dafür braucht es beides: ein Regelwerk, das man lernen kann – so wie in der Musik – und eine Auseinandersetzung mit der eigenen Intuition. Und über all dem eine Idee, ein Konzept, das das alles zu einem guten Raum zusammenführt.

Lässt sich Raumgefühl überhaupt erlernen – oder braucht man dafür einfach Talent?

Ein gutes Raumgefühl kann man sicherlich mitbringen – so wie manche Menschen besonders musikalisch oder bewegungsbegabt sind. Aber man kann sehr viel lernen, das bedeutet vor allem hinzusehen. Für viele ist Raum ja quasi unsichtbar – nicht vorhanden. Und es gibt planerische Prinzipien, die sich logisch erklären lassen. Zum Beispiel verändert sich die Charakteristik eines Raumes bis hin zu praktischen Fragen wie der Möblierung völlig, wenn eine Tür in der Wand mittig oder ganz in der Ecke platziert wird. Solche Dinge haben erst einmal nichts mit Geschmack zu tun, sondern mit räumlicher Konzeption.

Und trotzdem bleibt es ja subjektiv – oder gibt es in der Architektur ein „richtig“ und „falsch“?

Es gibt kein „richtig“ wie in der Mathematik. Aber sehr wohl unterschiedliche räumliche Systeme – und daraus ergeben sich Konsequenzen – somit jeweils ein eigenes Regelwerk. Damit ist räumliche Qualität bewertbar. Der jeweils subjektive Blick auf diese universalen Qualitäten ermöglicht dann wiederum immer wieder neue Sichtweisen und Ideen. Zum Beispiel beim Thema Erschließung: In einem Schloss durchwandert man Raum an Raum und kann durch viele Türöffnungen gleichzeitig sehen. Etwas anderes ist es, die Türen diagonal zueinander zu versetzen, wie man es in Museen oft vorfindet. Dort sieht den nächsten Raum unter Umständen erst, wenn man den aktuellen betritt. Das erzeugt eine völlig andere Wegeführung und eine andere Raumwahrnehmung.

Wie wichtig ist das reale Erleben von Raum im Studium?

Exkursionen sind sehr wichtig, um sich durch das Erleben gebauter Räume ein eigenes Archiv aufzubauen. Nur wenn man das, was man zuvor im Grundriss oder Schnitt als Idee schon verstanden hat, kann man das Zusammenwirken aller Aspekte wirklich verstehen, wenn man es dann auch physisch betritt. Das ist oft ein großer Aha-Moment. Im vergangenen Semester hatte eine Gruppe das Kunstmuseum von Christ & Gantenbein in der Schweiz als Analyseobjekt. Und zufällig waren sie danach mit einem anderen Kurs in Zürich – für ein anderes Thema, aber sie haben sie trotzdem eigeninitiativ dieses Museum besucht. Und sie kamen total begeistert zurück! Sie hatten nämlich die Erfahrung gemacht: Wir haben einen Raum theoretisch bereits verstanden – und dürfen jetzt live spüren, wie er sich anfühlt. Das ist das Beste.

Nutzen Sie auch digitale Mittel wie Virtual Reality?

Ehrlich gesagt bin ich da skeptisch. Räume sind mehr als nur 3D. Räume sind multisensorisch und an die jeweilige Situation gebunden. Der reale Raum hat eine Komplexität, die ich nicht durch eine VR-Brille erfassen kann. Deswegen versuche ich, den Studierenden auch das „Selberbauen“ nahe zu legen und zu ermöglichen. Es geht darum, Erfahrungen zu machen und Lösungen in Kombination mit dem Handwerk zu finden.

Wie beim Projekt „pluspunkt“ in Dessau?

Genau. Wir hatten dort ein leerstehendes Ladenlokal, das die Studierenden in einen wandelbaren Raum transformiert haben. Es ging nicht nur ums Gestalten, sondern ums Machen – mit eigenen Rauminstallationen, einer Vernissage, viel Austausch. Es ist wichtig, dass die Studierenden in den Dialog gehen, gemeinsam etwas bauen. Diese Lust am Entdecken, dieses Gespür füreinander – das ist für mich der Kern guter Lehre.

Im Master DIA studieren viele Menschen aus verschiedenen Ländern. Wie erleben Sie diese Internationalität?

Ich finde das großartig. Die Studierenden bringen unterschiedliche kulturelle Hintergründe mit, das ist eine enorme Bereicherung. Architektur wird dann nicht nur als Technik verstanden, sondern als Sprache, die viele sprechen. Mit individuellem Akzent, anderen Klimabedingungen, und Bautraditionen. Und genau das ist spannend: Im Dialog erkennen die Studierenden, dass es nicht „den“ richtigen Weg gibt, sondern viele angemessene Lösungen, die im Kontext zur Situation entstehen.

Gibt es aktuell ein konkretes Projekt, an dem Sie mit Ihren Studierenden arbeiten?

Ja, wir sind Teil des Forschungsprojekts „Reallabor ZEKIWA Zeitz“. Auf dem Gelände der ehemaligen Kinderwagenfabrik ZEKIWA soll ein lebendiges, zukunftsfähiges und klimagerechtes Areal entstehen. Im ersten Semester haben die Studierenden Nutzungsszenarien für das rund 1.000 Quadratmeter große Erdgeschoss eines Bestandsgebäudes entwickelt. Das Projekt geht nun weiter: Im Wintersemester entwerfen wir hybride Raummöbel, im Sommer werden sie dann in 1:1-Prototypen gebaut – mit Fokus auf Reuse-Materialien. Ziel ist es, im Sinne des Neuen Europäischen Bauhauses (NEB) zu arbeiten: beautiful – sustainable – together. Die Hochschule ist mit verschiedenen Fachbereichen beteiligt und steht gemeinsam im Verbund mit der Stadt Zeitz, der Stiftung Bauhaus, Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, Forum Rathenau und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Professorin Förster, vielen Dank für das Gespräch.

Redaktion

Veronika Rivera