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Klimaanpassung durch Fernerkundung: Wie Daten nützen

  • Luftaufnahme eines Waldes mit abgestorbenen und lebenden Bäumen, die unregelmäßig verteilt sind, sowie einem schmalen Pfad, der sich durch das Gelände schlängelt. Im Hintergrund dichter, grüner Baumbestand. © hochschule anhalt | matthias pietsch

Immer mehr Kommunen, Naturparks, Landschafts- und Flächenverantwortliche stehen vor der Frage: Wie passen wir uns an den Klimawandel an? Fernerkundungsdaten und digitale Planungsinstrumente können dabei erheblich unterstützen – wenn sie richtig angewendet werden. Im Interview erklärt Prof. Dr. Matthias Pietsch geeignete Methoden zur Klimaanpassung aus seiner wissenschaftlichen Praxis. 

In Gesprächen mit Vertretern aus Kommunen oder Regionen geht es darum, raumkonkrete, optimierte Lösungsansätze zu entwickeln.

Prof. Dr. Matthias Pietsch

Prof. Pietsch, welche konkreten Anfragen aus Kommunen und Regionen erreichen Sie derzeit am häufigsten und was zeigt das über den aktuellen Handlungsdruck?

Insbesondere wenn Hitzewellen wie in der jüngsten Vergangenheit auftreten wird das Thema aktuell. Aber auch die spürbaren und sichtbaren Auswirkungen wie absterbende Gehölze, austrocknende Gewässer, Zunahme an Hitzetagen sensibilisieren für das Thema. In Gesprächen mit Vertretern aus Kommunen oder Regionen geht es darum, raumkonkrete, optimierte Lösungsansätze zu entwickeln. Darüber hinaus wird zunehmend nach der Nutzbarkeit von Fernerkundungsdaten zur Analyse und Bewertung der jeweiligen Untersuchungsgebiete gefragt. Auch die Möglichkeiten der Beteiligung sowie der Entwicklung von Auskunftssystemen spielen zunehmend eine Rolle.

Wie können Fernerkundungsdaten und digitale Planungsinstrumente dabei helfen, Möglichkeiten zu identifizieren, die sowohl für Klimaanpassung als auch Klimaschutz geeignet sind?

Mit Hilfe von Fernerkundungsdaten können Hitzeinseln sowie Ausgleichsräume raumkonkret ermittelt und über lange Zeiträume analysiert und verglichen werden. Darüber hinaus ist es möglich, bereits realisierte Maßnahmen wie beispielsweise Baumpflanzungen auf ihre Wirksamkeit hin zu untersuchen. Darüber hinaus kann die Leistungsfähigkeit vorhandener Landschaftselemente wie beispielsweise Hecken oder Moore ermittelt und möglicher Optimierungsbedarf abgeleitet werden. Digitale Planungsinstrumente unterstützen die Auswahl geeigneter Standorte für erneuerbare Energien oder optimale Standorte für Klimaschutz- und Klimaanpassungsmaßnahmen. Es können unterschiedliche Szenarien und deren zeitliche Umsetzungsmöglichkeiten bestimmt werden. Darüber hinaus können damit Beteiligungsprozesse unterstützt und ein Monitoring etabliert werden.

  • Luftaufnahme eines Waldes mit abgestorbenen und lebenden Bäumen, die unregelmäßig verteilt sind, sowie einem schmalen Pfad, der sich durch das Gelände schlängelt. Im Hintergrund dichter, grüner Baumbestand. © hochschule anhalt | matthias pietsch
  • Luftbild eines Waldes mit vielen abgeholzten, entasteten Baumstämmen in Reihen, umgeben von grünen, dicht stehenden jungen Bäumen und Resten von gefällten Bäumen am Boden. © hochschule anhalt | matthias pietsch
  • Luftaufnahme eines bewaldeten Hügels mit einer zerstörten, historischen Burgruine aus Stein mitten im Wald, umgeben von kahlen und grünen Bäumen. © hochschule anhalt | matthias pietsch

Die verschiedenen Ansichten des Waldes im Harz zeigen deutliche Schäden. Aber was lässt sich daraus ableiten? Wie können die Bilddaten beim langfristigen Schutz helfen? Das sind einige der Fragen, die aus der Praxis an Matthias Pietsch und sein Team gestellt werden. 

In Ihrem neuen Projekt geht es um natürliche Klimaanpassung durch Landschaftsplanung. Können Sie ein Beispiel nennen, wo das konkret umgesetzt werden könnte?

Die vorhandenen Landnutzungen und Landschaftsstrukturen wie Grünland, Wälder oder Hecken leisten einen Beitrag für die natürliche Klimaanpassung, indem sie beispielsweise CO2 speichern, die Umgebungstemperatur kühlen oder Frischluft produzieren, die in Zeiten starker Erwärmung als ausgleichend wirken können. Insbesondere Grünflächen oder Vegetationsbestände wie Dach- oder Fassadenbegrünungen leisten hierbei einen sehr großen Beitrag. Durch eine intelligente Planung sowie die qualifizierte Pflege des Gehölzbestandes kann diese Funktion langfristig gesichert werden. Durch die Analyse des vorhandenen Bestandes und der Qualität der Grünflächen und deren Bestandteile innerhalb einer Stadt wird der Bedarf für weitere Flächen ermittelt und mögliche Pflege- oder Umgestaltungsbedarfe ermittelt. Dies erfolgt derzeit ganz konkret im Rahmen eines Modellvorhabens in Zusammenarbeit mit der Stadt Bernburg (Saale).  

Die vorhandenen Landnutzungen und Landschaftsstrukturen leisten einen Beitrag für die natürliche Klimaanpassung. Durch eine intelligente Planung kann diese Funktion langfristig gesichert werden.

Prof. Dr. Matthias Pietsch

Wo sehen Sie die größten Hürden, wenn es darum geht, wissenschaftliche Erkenntnisse in die Planungspraxis zu überführen? Wie lassen sich diese überwinden?

Im Rahmen von Forschungs- und Entwicklungsvorhaben wird oftmals mit komplexen Analysemethoden sowie Datengrundlagen, die sich noch nicht in der Praxis etabliert haben, gearbeitet. Die dadurch erzielbaren Ergebnisse können einen großen Beitrag zur Bewältigung der aktuellen Herausforderungen liefern. Allerdings zeigt sich, dass sowohl in den Planungsbüros als auch in den Verwaltungen die Kenntnisse sowie technischen Voraussetzungen nicht immer in vollem Umfang vorliegen, um die wissenschaftlichen Erkenntnisse direkt in die Praxis zu überführen. 

Um dies zukünftig noch konkreter zu realisieren ist ein enger Austausch und Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Praxis notwendig. Dazu sind die entsprechenden Ressourcen in den Verwaltungen zu schaffen. Die Wissenschaft hat dazu beispielsweise im Zuge von Modell- und Pilotvorhaben die Praxistauglichkeit der entwickelten Lösungsansätze zu evaluieren und in eine umsetzbare Form zu übersetzen. Schulungs- und Transferangebote sind zu entwickeln, um die Erkenntnisse schnell und zielgerichtet nutzen zu können.

Was raten Sie Kommunen und anderen Akteuren, die jetzt mit Klimaanpassung und Klimaschutz beginnen wollen. Wo sollten sie anfangen?

Viele Kommunen und Akteure beschäftigen sich bereits intensiv mit den Themen Klimaanpassung und Klimaschutz. Dazu werden bundesweit unterschiedliche Konzepte auf verschiedenen Verwaltungsebenen erarbeitet. Dazu zählen unter anderem die Erarbeitung von kommunalen Landschaftsplänen, der Wärmeplanung, Klimaanpassungskonzepten oder integrierte Stadtentwicklungskonzepte. Diese unterscheiden sich in der Zielstellung sowie den Adressaten, die damit angesprochen werden sollen, um die erarbeiteten Maßnahmen umzusetzen. 

Aus meiner Sicht ist eine flächendeckende Analyse der Bestandssituation, deren Bewertung und darauf aufbauend der Potentiale sowie möglicher Handlungsoptionen ein sinnvoller Start in das Thema. Geeignet ist dazu beispielsweise die Erstellung eines kommunalen Landschaftsplans, da sich dieser mit allen Funktionen des Naturhaushaltes auseinandersetzt. Liegt bereits ein aktueller Plan vor, kann dieser um den Teil Klimaschutz und -anpassung ergänzt werden. Damit lassen sich die Bereiche ermitteln, für die dringender Handlungsbedarf besteht. Darüber hinaus lassen sich raumkonkrete Aussagen zu besonders empfindlichen Bevölkerungsgruppen oder Einrichtungen ableiten, für die hoher Handlungsbedarf besteht. 

Gleichzeitig werden aber auch die Räume ermittelt, die bereits eine hohe Schutzleistung liefern und damit schützenswert sind bzw. in welchen Bereichen Handlungsbedarf besteht. Auf dieser Grundlage kann dann in Abstimmung mit der Öffentlichkeit, betroffenen Akteuren sowie Verwaltung und Politik eine Prioritätensetzung stattfinden, um lösungsorientiert die Vorschläge zu realisieren. Dabei sollte eine Überprüfung der Wirksamkeit der Maßnahmen geplant werden, um Rückschlüsse auf die weitere Umsetzung zu erhalten und damit sowohl aus Sicht der Kosten als auch der Wirkung zukünftig optimieren zu können.

Links zum Weiterlesen und Informieren

Weiterer Artikel auf dem KlimaBlog: “Digitalisierung im Naturschutz: Das Beispiel Wiesenbrüter” https://www.hs-anhalt.de/hochschule-anhalt/aktuelles/neuigkeit-1/digitalisierung-im-naturschutz-das-beispiel-wiesenbrueter.html

Planungstools für Kommunen, Kompensationsmaßnahmen, natürlicher Klimaschutz: Alle Projekte der Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Matthias Pietsch stehen auf dieser Website: https://www.hs-anhalt.de/hochschule-anhalt/loel/forschung/angewandte-geoinformatik-und-fernerkundung/projekte.html

 

Prof. Dr. Matthias Pietsch

... ist für Nachfragen und Anfragen erreichbar unter Tel.: +49 Tel.: +49 (0) 3471 355 1140 oder per E-Mail: matthias.pietsch(at)hs-anhalt.de. 

Auch auf seinem LinkedIn-Profil schreibt er über aktuelle Veranstaltungen und Projekte. 

Aktuelle Publikation: Integrating scenario based learning and design thinking to strengthen climate resilience in landscape architecture education / Sedlacek, Jozef. - Enthalten in: Discover cities, Bd. 3 (2026), S. 1-15.