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"Oft ist der Designprozess ein Forschungsprozess"

  • Symbolbild Promovieren im Design zeigt Vortrag mit Publikum in einem historischen Saal am Bauhaus Dessau © hs anhalt | Arne Berger
    Das Kolloquium "Design promoviert" Anfang 2025 auf dem Campus Dessau der Hochschule Anhalt. Auch Promotionsprojekte an der Hochschule Anhalt standen im Fokus.

Promovieren im Design? Das kommt eher selten vor, wird aber zunehmend wichtiger – und attraktiver. Über die Gründe spricht Prof. Dr. Michael Hohl im Interview. Er ist Experte für Design-Theorie und Forschung an der Hochschule Anhalt. Am noch jungen Promotionszentrum Architektur- und Designforschung betreut er verschiedene wissenschaftliche Arbeiten, die auch anlässlich des diesjährigen nationalen Kolloquiums "Design promoviert" auf dem Campus Dessau vorgestellt wurden.

Die Welt um uns herum und auch die Produkte sind technologischer, komplexer und komplizierter geworden. Es sind viel mehr Wissen und Fähigkeiten notwendig, um ein Produkt auf den Markt zu bringen.

Herr Prof. Hohl, wie geht wissenschaftliches Arbeiten im Design?

Wie wissenschaftliches Arbeiten im Design aussehen kann, ist hierzulande noch etwas unklar und derzeit im Entstehen begriffen. Die deutsche Gesellschaft für Designtheorie und Forschung (DGTF) wurde zum Beispiel erst 2003 gegründet. Modern promovieren war ab 1807 in Jena möglich. Wissenschaftliches Arbeiten und Forschen im Design ist also im Verhältnis zur Promotion in anderen Fachgebieten in Deutschland noch relativ neu und erst seit der Bologna-Reform in Bewegung gekommen. Im Anschluss haben sich an deutschen Hochschulen Promotionszentren für Design gegründet, obwohl einige bereits vorher das Promotionsrecht besaßen. Das Promotionsrecht alleine reicht nicht aus, es braucht eine konkrete Verortung, Zeit und guten Willen, eine kritische Masse an Forscher:innen, Rahmenbedingungen, Strukturen, um eine Forschungskultur aufzubauen. Das Design kommt hier mit etwas Verspätung dazu. Zudem tut sich Design, wie die anderen praxis-orientierten Fachgebiete, etwas schwer, den wissenschaftlichen Anspruch und Wissenskanon umzusetzen. In der Regel haben wenige der Lehrenden promoviert und diese kommen meist aus der gestalterisch-künstlerischen Praxis. Das Designen kann man nicht aus Büchern lernen, sondern nur durch das Machen. Das Bauhaus zum Beispiel hatte noch keine Bibliothek.

Welche Gründe sehen Sie dafür, dass Promovieren im Design bislang weniger eine Rolle spielte?

Neues Wissen und Exzellenz zeigen sich hier nur in Ausnahmefällen in der Form von wissenschaftlichen Publikationen, sondern in anderen Formen: In Preisen, Ehrungen und Auszeichnungen, zum Beispiel Jury-Einladungen bei Wettbewerben und Ausschreibungen, zum Beispiel des Bauhaus Museum Dessau, in Einladungen Ausstellungen und Podiumsdiskussionen auszurichten. Eigene Arbeiten erscheinen in den Publikationen anderer, in Interviews und Berichten in den Medien. Zwei Doktorandinnen aus dem Bereich Design, deren Forschung ich mit begleitet habe, wurden zum Beispiel eingeladen, ihre Designforschung auf dem World Economic Forum WEF in Davos internationalen Gästen aus Wirtschaft und Politik vorzustellen. Neues Wissen mit gesellschaftlicher, kultureller und wirtschaftlicher Relevanz, das jedoch eher in einer Dokumentation auf ARTE TV zu finden ist als in einer wissenschaftlichen Publikation. Ähnlich einzuordnen ist das Vorort e.V. Projekt hier in Dessau, das über 30 Mitglieder aus der Hochschule zählt. Vorort e.V. hat verschiedene Preise zur Stadtentwicklung gewonnen und wird vom Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen als besonderes Beispiel für "good practice" ausgezeichnet. Hier geschieht innovatives gestalterisches Arbeiten mit unmittelbarer gesellschaftlicher Relevanz. Dort könnte auch sehr gut eine Promotionsstelle verortet sein.

In den Natur- und Kulturwissenschaften wird versucht, die Welt zu verstehen wie sie ist. Im Design geht es darum, durch neue Entwürfe etwas zu verbessern und die Welt dadurch zu verändern.

Wie unterscheidet sich das wissenschaftliche Arbeiten von der Forschung in den Natur- und Kulturwissenschaften? Welche Forschungsrichtungen gibt es im Design?

In den Natur- und Kulturwissenschaften wird versucht, die Welt zu verstehen wie sie ist. Im Design geht es darum, durch neue Entwürfe etwas zu verbessern und die Welt dadurch zu verändern. So wie das Auto, Blue Jeans oder das Internet die Welt verändert haben. In der Gestaltung kann man, vereinfacht gesagt, zwischen drei unterschiedlichen Arten von Forschung unterscheiden. Einmal "Forschung über": diese kann historisch ausgerichtet sein und analysiert etwa bestimmte Beispiele von Architektur, Kunst und Design. Zum Beispiel zur Geschichte der Innovation in der Webereiklasse am Bauhaus. Dann "Forschung für": das können dann zum Beispiel neue technische Materialentwicklungen, Prozesse oder Oberflächenbehandlungen sein – solche Forschungsergebnisse fließen dann in innovative Produkte ein. Schließlich gibt es noch "Forschung durch": hier wird mit den Design-eigenen Methoden vorgegangen, um neues Wissen zu erzeugen. Dabei können sich Praxis, Theorie, Testen, Beobachten usw. in einem Iterativen Lern- und Gestaltungsprozess abwechseln. Diese Darstellung der Forschungsarten ist jetzt grob vereinfacht, oft werden alle drei abwechselnd angewandt. Den Abschluss bilden dann oft Artefakte (Prototypen, Modelle, Werk), die ausgestellt werden und in denen das Wissen implizit enthalten ist. Das kann eine neue Technik, ein neuer Prozess, ein Modell oder Ähnliches sein. Bei wissenschaftlicher Forschung muss der Prozess jedoch in einer analytischen, kritischen und gründlichen Dissertation dokumentiert sein und explizit gemacht werden. Hier können dann die neue Theorie, Materialien, Methoden und Modelle nachgelesen werden, welche durch die Praxis entstanden sind.

Warum ist Forschung für Design wichtig?

Die Welt um uns herum und auch die Produkte, die uns umgeben, sind in den vergangenen Jahren technologischer, komplexer und komplizierter geworden. Es sind heutzutage viel mehr Wissen und Fähigkeiten notwendig als noch vor 30 Jahren, um ein Produkt auf den Markt zu bringen. Oft ist der Designprozess ein Forschungsprozess, wo erst im Verlauf deutlich wird, welches Problem gelöst werden soll und welche Lösung angemessen ist. In den vergangenen Jahren habe ich zum Beispiel wegweisende Designforschungsarbeiten betreut, die auf neuen Erkenntnissen der Neurowissenschaften, Neuroplastizität basierten. Eine Designerin wandte dieses Wissen zum Beispiel dazu an, um gezielt den Gleichgewichtssinn zu stärken. Solche Produkte werden heute oft von interdisziplinären Teams entwickelt und bereits im Verlauf gemeinsam mit Benutzer:innen getestet und weiter ausgearbeitet. Dabei können dann oft auch Aspekte der Sozialwissenschaften, Psychologie oder Neurowissenschaften zum Tragen kommen, neben Material- und Produktionskenntnissen. Design beschränkt sich also nicht auf die oberflächliche Ästhetik und Funktion von Produkten, sondern betrachtet diese oft als ein System und als Kreislauf: Wo kommen die Materialien her? Unter welchen Bedingungen werden sie zusammengestellt? Was geschieht damit, wenn wir es wegwerfen? Wie beeinflusst es die Benutzer und die Umwelt? All dies sind Themen, die in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen haben und zeigen, wie wichtig wissenschaftliches Arbeiten und Forschung im Design geworden sind.

  • Symbolbild Promovieren im Design zeigt Vortrag mit Publikum in einem historischen Saal am Bauhaus Dessau © hs anhalt | Arne Berger
    Das Lyzeum auf dem Campus Dessau der Hochschule Anhalt bot ausreichend Raum für die Design-Promovierenden aus ganz Deutschland - für Vorträge und Austausch.
  • Ein Blick durch ein Fenster auf einen Platz mit einem historischen Gebäude, das eine Uhr und ein rotes Dach hat. Im Vordergrund ist eine Straße mit Fußgängern und Bäumen zu sehen. Im Hintergrund befindet sich ein Brunnen. Der Himmel ist blau mit einigen Wolken. © hs anhalt

Sie engagieren sich für die Forschung zum Design bereits seit mehreren Jahren. Was ist Ihnen dabei persönlich besonders wichtig?

Verantwortung für den Nachwuchs ist mir besonders wichtig – eine positive, offene und integre Forschungskultur an den Fachbereichen und am Promotionszentrum mit aufzubauen und zu unterstützen. Forschung und wissenschaftliches Arbeiten geschehen nicht in einem Vakuum, sondern haben eine entscheidende soziale Komponente. Forschung lebt vom lebendigen Erfahrungsaustausch, von Kritik und Hinterfragen, guter Kommunikation beim Teilen von neuen Erkenntnissen, Methoden, Methodologien und Erfahrungen. Von wissenschaftlicher Integrität, Redlichkeit, Gründlichkeit, Ehrlichkeit und kritischem Diskurs.

Welche Promotionsprojekte wurden anlässlich des Kolloquiums am 18. Januar von der Hochschule Anhalt präsentiert und sind diese wegweisend für das Promotionszentrum Architektur und Designforschung?

Die Bandbreite der Projekte am Promotionszentrum ist sehr breit und beinhaltet alle drei oben beschriebenen Arten der Designforschung. Einmal gibt es eher technische Vorhaben im Bereich KI, wo innerhalb eines größeren Projekts eine klar begrenzte, technische Aufgabe zum Promotionsvorhaben implementiert wird. Es gibt ein Projekt zur Architektur und zu der Frage, wie sich bestimmte architektonische Muster, wie zum Beispiel vor Ort wohnende Bedienstete, in der modernen Architektur etabliert haben. Weiterhin gibt es Projekte, die sich mit der Lehre im Design auseinandersetzen, unter anderem, wie Virtuelle Realität in die Lehre eingebunden werden kann, und auch eine Forschungsarbeit, die kritisch exploriert, wie ADHS durch die Anwendung von Designmethoden beeinflusst werden kann. Das ist nur ein kurzer, einfacher Einblick in die komplexen Fragestellungen.

Vor welchen Herausforderung steht eine Designer:innen, die promovieren wollen?

Für mich gibt es dazu zwei Hauptthemen. Ich denke, die größte Herausforderung ist zu erkennen, dass man sich nicht unbedingt ein "großes" Forschungsthema vornehmen muss, sondern dass auch "kleine" Probleme oft besonders schwierig zu beantworten sein können. Dazu können auch Beobachtungen aus der eigenen Praxis zählen. Gerade hier kann es besonders interessant sein, neue Erkenntnisse zu produzieren.

Die andere Herausforderung sehe ich darin, dass die Finanzierung geklärt werden muss. Promotionsforschung im Design stellt eine große Belastung und Herausforderung dar. Zu Beginn habe ich gezeigt, dass jeder Fall auf seine Art einzigartig ist und dass selten auf "altbewährte" Methoden und Methodologien zurückgegriffen werden kann. Echte Designforschung hat also viele Aspekte einer Reise ins Ungewisse, auf die man sich voll konzentrieren können sollte, um erfolgreich abzuschließen. Eine nicht geklärte Finanzierung steht dem entgegen.

Verantwortung für den Nachwuchs ist mir besonders wichtig – eine positive, offene und integre Forschungskultur an den Fachbereichen und am Promotionszentrum mit aufzubauen und zu unterstützen.

Inwiefern kann das 2021 gegründete Promotionszentrum zur Förderung der Design-Forschung beitragen?

Auch hier sehe ich einen lebendigen Austausch und gelebte Forschungskultur als besonders wichtiges Element. Es geht weniger um eine Akademisierung des Designens, sondern darum komplexe Herausforderungen kritischer und reflektierter anzugehen – ohne das Designen unnötig zu verwissenschaftlichen. Determinismus, Logik und technische-Rationalität haben ihren Platz vor allem in anderen wissenschaftlichen Feldern. Das habe ich selbst im Verlauf meiner eigenen Promotion festgestellt, als ich nicht mehr weiterkam, und später dann auch immer wieder bei den von mir mit betreuten Promovierenden beobachtet. Im Design ist herausragende Forschung, wie in den Naturwissenschaften gleichermaßen, meist auch mit guter Beobachtung, Intuition, Neugierde und Offenheit, neuen Fragestellungen, Zufall, Vermutungen, spontanen Erkenntnissen und Überraschungen verknüpft. Dies wird auch am Promotionszentrum vorgestellt und diskutiert, das Wissen und die Erkenntnisse werden so wieder an die Fachbereiche zurückgetragen. So strahlt das Promotionszentrum in die Lehre und die Forschungskultur aus.

Sie arbeiten derzeit an einer Neuauflage Ihres Buches zum Promovieren. Wie wird sie sich von der ersten Auflage unterscheiden?

Der Text wird komplett überarbeitet werden und enthält dann auch vier weitere Kapitel. Eines zur Forschungskultur und zur sozialen Dimension der Forschung, eines zum Thema Betreuung der Promotion, dann eines zu Zweifel und Gewissheit in der Forschung und schließlich noch eine kommentierte Liste mit weiterführender Literatur. Es soll im Oktober 2025 erscheinen.

Promovieren im Design an der Hochschule Anhalt:

Mehr Informationen zu Theorie und Praxis, Lehre und Forschung von Prof. Dr. Michael Hohl stehen auf seiner persönlichen Seite: https://www.hs-anhalt.de/hochschule-anhalt/service/personenverzeichnis/person/prof-dr-michael-hohl.html

Wer mehr über das Promotionszentrum Architektur- und Designforschung erfahren will, kann sich hier informieren: https://www.hs-anhalt.de/forschen/promovieren/promotionszentren/architektur-und-designforschung.html

Das Kolloquium "Design promoviert" geht auf eine Initiative der gleichnamigen Nachwuchsförderung der Deutschen Gesellschaft für Designtheorie und -forschung (DGTF) zurück. Zweimal im Jahr haben Interessierte die Möglichkeit, sich über das Promovieren im Design auszutauschen. Das Kolloquium am 18. Januar 2025 auf dem Campus Dessau der Hochschule Anhalt wurde von Prof. Dr. Michale Hohl organisiert. Das Programm ist hier noch abrufbar: https://design-promoviert.dgtf.de/wp/wp-content/uploads/2025/01/31-DP-Programm.pdf

Neue Termine werden auf der Homepage der DGTF veröffentlicht: https://design-promoviert.dgtf.de/