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Regionale Eiweißversorgung: Was Erbsen und Soja aus Sachsen-Anhalt leisten könnten

  • Luftaufnahme eines landwirtschaftlichen Feldes mit geordneten Reihen junger Pflanzen, im Hintergrund große gelbe Blumenfelder, eine Person steuert ein Drohnenmodell über dem Feld. © hochschule anhalt
    Feldversuche zu Leguminosen an der Hochschule Anhalt

Europa importiert einen Großteil seines Eiweißes, denn heimische Alternativen sind auf dem Markt selten konkurrenzfähig. Auf Äckern in Sachsen-Anhalt wachsen durchaus Pflanzen, die Stickstoff aus der Luft binden, den Boden schonen und als Eiweißquelle genutzt werden könnten. Das zeigen die Feldversuche der Hochschule Anhalt mit Körnerleguminosen wie Erbsen, Sojabohnen und Kichererbsen.

Die Ergebnisse fließen in das Verbundprojekt DiP-DiPisum ein. Es erforscht, wie sich eine stärkere regionale Eiweißversorgung über diese Kulturen aufbauen lässt.

Warum Erbsen auf deutschen Äckern eine Randkultur geblieben sind

Im Jahr 1886 beschrieb Hermann Hellriegel am Standort Bernburg, wie Erbsen in Symbiose mit Bodenbakterien Stickstoff aus der Luft aufnehmen. Die Bakterien siedeln sich in kleinen Knöllchen an den Wurzeln an und versorgen die Pflanze, ohne dass gedüngt werden muss. Diese Entdeckung hat die Landwirtschaft verändert.

Dennoch bedecken Erbsen in Deutschland heute nur einen Bruchteil der Ackerfläche. Die Gründe sind wirtschaftlicher Natur. Erbsenerträge schwanken stark, von Jahr zu Jahr, von Standort zu Standort. Günstige Eiweißimporte, vor allem Sojaschrot aus Übersee, drücken auf den Markt. Für viele Betriebe lohnt sich der Anbau unter diesen Bedingungen kaum.

Hinzu kommt, dass das Sortenspektrum lange begrenzt war. Winterformen, die die Vegetationszeit besser ausnutzen und stabilere Erträge versprechen, spielten in der Praxis kaum eine Rolle. Klimaangepasste Sorten fehlten weitgehend. Das ist einer der Ansatzpunkte von DiP-DiPisum.

Was die Forschung an der Hochschule Anhalt zeigt

Am selben Standort, an dem Hellriegel einst forschte, laufen seit 15 Jahren Versuche zu Wintererbsen. Seit 2024 kommen umfangreiche Sortenprüfungen sowie Versuche zum Einsatz von Biostimulanzien dazu. Das sind Mittel, die das Pflanzenwachstum fördern, ohne klassische Dünger zu ersetzen. Sie können die Aktivität der stickstoffbindenden Bakterien unterstützen und das Wurzelwachstum anregen.

Erste Ergebnisse aus Bernburg deuten darauf hin, dass sich damit die Ertragssicherheit verbessern lässt. „In mehrjährigen Versuchen lagen die Erträge klimaangepasster Wintererbsen im Schnitt bei 43,9 dt/ha, gegenüber 40,1 dt/ha bei herkömmlichen Sommerformen", sagt Prof. Dr. Annette Deubel. (Deubel et al. 2024,  https://www.hs-anhalt.de/fileadmin/Dateien/FB1/Forschung/Feldversuche/Projekte/DIP_DiPisum/EWS_2024.pdf)

Soja als Ergänzungskultur unter veränderten Klimabedingungen

Eiweißpflanzen in Deutschland beschränken sich nicht auf die Erbse. Die Sojabohne rückt zunehmend in den Fokus, auch in Sachsen-Anhalt. Lange galt sie hier als zu risikoreich, weil die Ansprüche an Wärme und Wasserversorgung hoch sind. Der Klimawandel und züchterische Fortschritte verschieben diese Bedingungen.

In mehrjährigen Versuchen untersucht die Hochschule Anhalt, unter welchen Voraussetzungen Soja wirtschaftlich angebaut werden kann. Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass Sojabohnen nicht weniger Wasser als andere Leguminosen benötigen. Da der höchste Bedarf erst zur Blüte Ende Juni, Anfang Juli entsteht, trägt ihr Anbau dennoch zur Risikostreuung in der Fruchtfolge bei. „Die Erträge schwanken noch stark in Abhängigkeit von der Jahreswitterung, zeigen aber Potenziale", so Annette Deubel.

Die Versuche, insbesondere zu Soja, entstehen in Zusammenarbeit mit der Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau (LLG) Bernburg. Ziel ist, dass Ergebnisse aus den Versuchen direkt in die landwirtschaftliche Praxis fließen.

Was regionale Eiweißversorgung konkret braucht

Die Forschungsergebnisse aus Bernburg sind ein Baustein. Für eine breitere regionale Eiweißversorgung über Körnerleguminosen braucht es auf drei Ebenen Bewegung.

Verlässliche Anbaudaten: Mehrjährige Versuche wie in Bernburg schaffen die Grundlage, auf der Landwirt:innen kalkulierbare Entscheidungen treffen können. Einmalige Ergebnisse reichen dafür nicht.

Regionale Verarbeitungskapazitäten: Eiweißpflanzen aus Deutschland müssen auch hier weiterverarbeitet werden, zu Futtermitteln, Lebensmittelzutaten oder Industrierohstoffen. Das erfordert Investitionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Breitere Fruchtfolgen: Weizen und Raps dominieren viele Ackerflächen in der Region. Leguminosen könnten diese Folgen stabiler machen, weil sie den Boden mit Stickstoff anreichern und Schädlingszyklen unterbrechen, ökologisch und wirtschaftlich.

Sachsen-Anhalt hat die Forschungsinfrastruktur dafür und mit Bernburg einen Standort, der in der Agrarwissenschaft seit mehr als einem Jahrhundert Gewicht hat.

Prof. Dr. Annette Deubel lehrt und forscht am Campus Bernburg der Hochschule Anhalt zu Pflanzenanbau. Dazu steht unter anderem eine 55 Hektar große Feldversuchsfläche zur Verfügung. Das Projekt DiP-DiPisum ist ein interdisziplinärer Forschungsverbund und wird gefördert durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt. „Warum die Erbse für Mitteldeutschland eine gute Idee ist“: Zu dieser Frage hat sie auf dem KlimaBlog bereits ein Interview gegeben: https://www.hs-anhalt.de/hochschule-anhalt/aktuelles/neuigkeit-1/regionale-biooekonomie-warum-die-erbse-fuer-mitteldeutschland-eine-gute-idee-ist.html

Mehr zum Projekt DiP-DiPisum: https://www.hs-anhalt.de/projekte/projekt/dipdipisum-digitalisierungsgetriebene-entwicklung-sachsen-anhalts-zu-einem-innovationszentrum-fuer-erbsenzucht-anbau-und-verwertung-teilprojekt-d-prof-dr-annette-deubel.html

Redaktion

Claudia Aldinger

Auf den DLG-Feldtagen vom 16. bis 18. Juni 2026 in Bernburg stellt die Hochschule Anhalt auf der Landespräsentation Sachsen-Anhalt aktuelle Ergebnisse aus DiP-DiPisum vor. Ansprechpartner: Prof. Dr. Annette Deubel und Prof. Dr. Dieter Orzessek mit der Arbeitsgruppe Feldversuche: https://www.hs-anhalt.de/hochschule-anhalt/aktuelles/fachmessen/dlg-feldtage.html

 

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