Ein Team des Fachbereichs Design der Hochschule Anhalt hat eine Möbelserie "Zeitzer Zimmer" genannt. Der Name steht für eine Stadt, die noch bis 2038 den Kohleausstieg bewältigen muss.
Aktuelles
Was ist das Zeitzer Zimmer?
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© hochschule anhalt | zeitzer zimmer
Welche Möbel braucht ihr wirklich? Im April 2025 gingen Hannes Wilke, Christian Kirchner und Matthias Lipeck vom Fachbereich Design der Hochschule Anhalt dieser Frage in Zeitz nach. Im Zuge ihrer Recherche waren sie auf die Initiativen „Krimzkrams“ und „Stadtlabor“ gestoßen, die Räume für den gemeinsamen Austausch zur Verfügung stellten. Im Gespräch mit Zeitzerinnen und Zeitzern entstand ein Design-Briefing, das das Hochschulteam anschließend in die folgenden Semesterprojekte mitnahm. Die dort entstandenen studentischen Arbeiten und Erkenntnisse bildeten wiederum eine wichtige Grundlage für die weitere Entwicklung. Denn auf dieser Basis entwickelten Christian Kirchner und Joris Graba die Entwürfe, aus denen schließlich das Zeitzer Zimmer hervorging – benannt nach einer Stadt, die bis 2038 den Kohleausstieg bewältigen muss. Der Verlust der traditionsreichen ZEKIWA-Fabrik zur industriellen Produktion von Kinderwagen hatte die Stadt bereits Anfang der 1990er tiefgreifend verändert. Dem Verlust der Arbeitsplätze folgte ein Bevölkerungsrückgang von rund 20 Prozent.
Möbelserie mit offenem Baukonzept
Heute ist das ehemalige ZEKIWA-Werksgelände eine Industriebrache, die jedoch in Teilen wiederhergestellt wurde. Zum Beispiel mit einem "Raum der Möglichkeiten", wo das Design-Team der Hochschule Anhalt am 15. Juni 2026 das Zeitzer Zimmer vorstellte: Stuhl, Tisch und Regal aus hellem Holz zum Anschauen und Ausprobieren. Die Resonanz bei Projektpartner:innen und Öffentlichkeit war positiv und es kamen Fragen nach weiteren Bauanleitungen. Denn das ist das eigentliche Kernstück des Zeitzer Zimmers: ein offenes Gestaltungskonzept für modulare Holzmöbel. Wer Bauplan, Werkzeug und Material hat, kann sich sein Möbel selbst bauen, weiterdenken und anpassen.
eDIY: der Ansatz hinter dem Zeitzer Zimmer
Educated, empowered, equipped, enabled Do-it-yourself (eDIY) – so lautet der Ansatz dazu. Die Grundidee ist das Gegenteil des einfachen Konsums: Wer seine Möbel eigenhändig baut, erlebt sich auch selbst als wirksam. Laut Projektbeschreibung entsteht daraus eine Erfahrung, die über das einzelne Möbelstück hinausgeht. Es geht darum, Einfluss nehmen zu können anstatt etwas hinzunehmen. "Deshalb wollen wir auch verschiedene Akteure immer wieder zusammenbringen", sagt Matthias Lipeck. Die Veranstaltungen des Projekts, das Teil des NEB Reallabors ZEKIWA Zeitz ist, bringen Handwerk, Design, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammen. Finanziert durch das europäische Programm „New European Bauhaus“ (NEB) und den „Just Transition Fund“ der EU tauschen die Beteiligten Wissen, Fähigkeiten und Ressourcen aus, um etwas Neues zu entwickeln.
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© hochschule anhalt | zeitzer zimmer
Workshops haben dem Design-Team entscheidende Impulse für die Möbelserie "Zeitzer Zimmer" gegeben. -
© hochschule anhalt | zeitzer zimmer
Offene Werkstätten und wiederverwendbare Materialien gehören zum Konzept des "Zeitzer Zimmers".
Strukturwandel auf dem ZEKIWA-Gelände
Zeitz ist ein Ort, an dem alte Konzepte nicht mehr funktionieren. "Insofern ist das ehemalige Werksgelände von ZEKIWA der passende Ort für unser Konzept", erklärt Matthias Lipeck weiter. Mit dem Reallabor, also lebensnahen Testräumen für neue Ideen, soll etwas anderes entstehen als neue Fertigungshallen oder Industriearbeitsplätze. Es setzt auf Beteiligung als Faktor für nachhaltiges Wirtschaften. Wenn Menschen ein Möbelstück selbst bauen, gemeinsam mit Hochschule und Handwerk, bekommt es einen anderen Wert als ein gekauftes. Zum Konzept gehört außerdem eine Materialdatenbank, die Reststoffe in der Region erfassen und zum Bauen neuer Werkstücke anbieten soll.
Übertragbarkeit auf andere Strukturwandel-Regionen
Ziel des Projekts ist ein offener Möbelkatalog, den jeder nutzen kann, das heißt auch andere Regionen. Zurzeit stehen drei Bauanleitungen zum kostenlosen Download bereit: für Stuhl, Tisch und Regal. Wie breit das Angebot angenommen wird, welche Gewerke sich einbinden lassen und welche Weiterentwicklungen dafür notwendig sind, will das Projektteam in den kommenden Monaten herausfinden. Dafür hat es noch bis Ende 2027 Zeit und viele Fahrten vor sich: zwischen Dessau und Zeitz und anderen Städten, die vor ähnlichen Transformationen stehen.
© hochschule anhalt | matthias lipeck
Warum Zeitzer Zimmer und nicht NEB-Zimmer?
Wo früher Menschen in der Industrie arbeiteten, treffen sich in Zeitz nun ganz unterschiedliche Akteur:innen, um das Arbeiten und Leben von morgen in Reallaboren zu erproben. Und zwar nach den Leitlinien der durch die EU ins Leben gerufenen Initiative NEB, an der sich auch die Hochschule Anhalt mit ihrem ZEKIWA-Reallabor beteiligt: schön, nachhaltig, gemeinsam. Warum heißt dann die Möbelserie nicht auch "Neues-Europäisches-Bauhaus-Zimmer"? "Natürlich wäre es passend gewesen", erklärt Matthias Lipeck, "aber wir wollten etwas Neues schaffen und die Prägung durch Zeitz sichtbar machen."
Infos zum Zeitzer Zimmer & Reallabor ZEKIWA Zeitz (Neues Europäisches Bauhaus)
Zum Team des Zeitzer Zimmers gehören Dipl.-Ing. Matthias Lipeck (Spacelab Dessau), Christian Kirchner, Hannes Wilke und Joris Graba. Sie haben auch die Bauanleitungen entwickelt. Projektleiter ist Prof. Nicolai Neubert. Alles über das Zeitzer Zimmer erfahren Sie hier: https://zeitzer-zimmer.de/
Das Projektakronym ZEKIWA steht in diesem Fall für Zukunftsfähige Energieeffiziente Kreislauf-Innovation für Bauen, Wohnen und Arbeiten. Zu dem transdisziplinären, interinstitutionellen Konsortium zählen verschiedene Hochschulgruppen und Partner aus der Region. Im Zentrum ihrer Zusammenarbeit steht die nachhaltige Entwicklung der Stadt Zeitz im Strukturwandel als Modellregion. Das sind die Arbeitspakete, die unter der Leitung der Hochschule Anhalt entstehen:
- Revitalisierung des ZEKIWA-Gebäudes 42
- Quartiersentwicklung und Placemaking
- Design, Nachhaltigkeit und Technologie
- Digitale Partizipation und Materialsharing
Mehr zu den Arbeitsprojekten und Ansprechpartner:innen auf der Projektseite: https://www.hs-anhalt.de/projekte/projekt/neb-zekiwa-martin-wiesner.html
Gefördert wird das Vorhaben vom 1. Juli 2024 bis 31. Dezember 2027. Fördermittelgeber sind Europäische Union und Land Sachsen-Anhalt aus dem Förderprogramm Neues Europäisches Bauhaus (JTF).
Ansprechpartner für das Projekt Reallabor ZEKIWA Zeitz ist Martin Wiesner, Gastprofessor an der Hochschule Anhalt. Sein Schwerpunkt ist unter anderem nachhaltiges Design:
Nachhaltiges Design heute: Für Ästhetik und Umweltschutz
Was machen Spreu und Staudenknöterich im Maschinenbaulabor?
Claudia Aldinger
Das Team des Zeitzer Zimmers… ist am besten erreichbar per E-Mail: info(at)zeitzer-zimmer.de.
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