Aktuelles

Wenn Gips knapp wird – Kalkpappe als Klimaschutz-Material

  • Weiße, leicht strukturierte Platte mit rauer Kante, vermutlich aus Beton oder ähnlichem Material, liegt schräg auf dunklem Untergrund. Oberfläche wirkt porös mit kleinen Unebenheiten. © hsanhalt | stefan reich

Die Energiewende bringt verschiedene Herausforderung für die Baubranche mit sich. Eine davon: Bis 2038 fehlt Deutschland mehr als die Hälfte seines Gipsbedarfs. Prof. Dr. Stefan Reich vom Fachbereich Architektur, Facility Management und Geoinformation der Hochschule Anhalt erforscht alternative Baustoffe, die klimafreundlich und kreislauffähig sind. Im Interview erklärt er, warum ein Blick in die Geschichte des Bauens dabei hilft und wie aus Altpapier und Kalk ein vielversprechendes Material entsteht.

Wir untersuchen Kalk-Papier-Verbundstoffe, die aus Recyclingpapier, Kalk als Bindemittel & mineralischen Füllstoffen bestehen. Das Papier liefert Volumen, die mineralischen Bestandteile Festigkeit.

Prof. Dr. Stefan Reich

Herr Prof. Reich, wie hängen Klimaschutz und Gips zusammen?

Der Zusammenhang ist auf den ersten Blick nicht offensichtlich. Etwa 60 Prozent des in Deutschland verwendeten Gipses stammen aus der Rauchgasentschwefelung in Kohlekraftwerken – ein Nebenprodukt, das beim Herausfiltern von Schwefeldioxid entsteht. Mit dem Ausstieg aus der Kohleverstromung verschwindet diese kostengünstige Quelle. Gleichzeitig verursacht der Abbau von Naturgips massive Eingriffe in Natur und Landschaft. Neben einer signifikanten Steigerung des Gipsrecyclings brauchen wir auch dringend Alternativen, die sowohl klimafreundlich als auch ressourcenschonend sind.

Sie schauen bei Ihrer Forschung in die Vergangenheit. Warum?

Historische Baustoffe zeigen uns, dass es bereits kreative Lösungen gab, lange bevor moderne Materialien verfügbar waren. Martin Gropius entwickelte im 19. Jahrhundert eine sogenannte Steinpappe aus Papier, Kalk und mineralischen Zuschlägen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde aufgrund der Materialknappheit intensiv mit Papierbeton oder Holzbeton experimentiert. Diese Materialien gerieten in Vergessenheit, enthalten aber wertvolle Ansätze für heutige Herausforderungen. Wir müssen das Rad nicht neu erfinden, sondern können von bewährten Konzepten lernen und sie mit heutigem Wissen weiterentwickeln.

Was genau testen Sie auf dem Campus in Dessau?

Wir untersuchen Kalk-Papier-Verbundstoffe, die aus Recyclingpapier, Kalk als Bindemittel und mineralischen Füllstoffen bestehen. Das Papier liefert das Volumen, die mineralischen Bestandteile wie Kalksteinmehl oder Mahlrückstände sorgen für Festigkeit. Entscheidend ist: Diese Materialien sind frei von Kunststoffen, können kompostiert oder recycelt werden und bestehen überwiegend aus Sekundärrohstoffen. Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend – die Prüfkörper sind leichter als Gips und erreichen Festigkeiten, die für den Innenausbau durchaus geeignet sein könnten.

Kalkpappe aus Untersuchungen der Hochschule Anhalt: Praktisch könnte das Material für den Innenausbau interessant sein. 

Inwiefern trägt das zum Klimaschutz bei?

Auf mehreren Ebenen. Erstens nutzen wir zu großen Anteilen Recyclingmaterial und benötigen nur wenig Primärrohstoffe. Zweitens vermeiden wir den energieintensiven und landschaftszerstörenden Abbau von Naturgips. Drittens sind die Materialien am Ende ihres Lebenszyklus noch verwertbar, zum Beispiel zur Kalkung von Waldböden – echte Kreislaufwirtschaft also. Außerdem bietet der Innenausbau ideale Bedingungen zum Testen: Die bauphysikalischen und statischen Anforderungen sind geringer als bei tragenden Bauteilen, und wir können schneller Erfahrungen sammeln. Was hier funktioniert, kann später auch für andere Anwendungen weiterentwickelt werden.

Wie geht es jetzt weiter?

Wir haben die ersten Grundlagenuntersuchungen abgeschlossen und erste Ergebnisse publiziert. Jetzt geht es darum, die Mischungsverhältnisse zu optimieren und zur Verbesserung der Biegezugfestigkeit Naturfasern einzubauen sowie die Materialien unter realen Bedingungen zu testen. Parallel arbeiten wir an Prototypen, etwa Platten mit Kartonbeschichtung ähnlich wie bei Gipskartonplatten. Der Weg bis zur Marktreife ist noch weit, aber die drohende Gipsknappheit gibt uns wenig Zeit. Deshalb suchen wir auch Partner aus der Industrie, die mit uns gemeinsam praxistaugliche Lösungen entwickeln wollen.

Informationen & Kontakt

Zur Person: Prof. Dr. Stefan Reich lehrt und forscht am Fachbereich Architektur, Facility Management und Geoinformation der Hochschule Anhalt. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im klimaschonenden Bauen und der Entwicklung alternativer Baustoffe.

Publikation: Reich, S., Pfütze, C. (2025): Learning from Predecessors: Alternative Formulations for Drywall Materials.  In: 9th International Conference on Civil Engineering and Materials Science (ICCEMS 2024). Link: https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-981-96-1574-2_17

Forschungsgruppe “building envelope research group” mit Hintergründen und Kontakt: https://www.hs-anhalt.de/berg/forschungsgruppe/prof-dr-stefan-reich.html

 

Redaktion

Claudia Aldinger

Prof. Dr. Stefan Reich

... ist für Nachfragen und Anfragen erreichbar unter Tel.: +49 (0) 340 5197 1580 oder per E-Mail: stefan.reich(at)hs-anhalt.de

... Direkt zur Publikation: Reich, S., Pfütze, C. (2025): Learning from Predecessors: Alternative Formulations for Drywall Materials. In: 9th International Conference on Civil Engineering and Materials Science (ICCEMS 2024): https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-981-96-1574-2_17

... mehr über seine Themen und Aufgaben an der Hochschule Anhalt am Ende des Interviews.

 

 

ZUM KLIMABLOG