Medizinische Ernährungsbildung

Forschungsgruppe im Fachbereich 1

Ergebnisse und Auswirkungen

Teilbereich 0: Ergebnisse des Kriterienkatalogs

Auf Grundlage einer strukturierten Literaturrecherche wurde ein Kriterienkatalog entwickelt, der den Soll-Zustand einer adäquaten primärpräventiven Ernährungsberatung in der pädiatrischen Gesundheitsversorgung beschreibt. Er umfasst fünf Hauptkategorien: Ernährungswissen: Anatomie und Physiologie, Lebensmittelgruppen und deren ernährungsphysiologischer Wert, Makro- und Mikronährstoffe, Säuglingsernährung, Ernährungsformen, Lebensmittelhygiene sowie die Bedeutung des Essverhaltens. Kommunikationskompetenz: Patienten- und familienzentrierte sowie interkulturell sensible Kommunikation, der Umgang mit schwierigen Situationen und die Anpassung an Alter, Entwicklungsstand und familiäre Situation. Ernährungsberatungskompetenz: Anwendung geeigneter Gesprächsführungs- und Verhaltensänderungsmethoden, Einsatz von Beratungsmaterialien sowie Selbstwirksamkeit und Vorbildfunktion der beratenden Personen. Einsatz schriftlicher Medien: Fachlich korrekte, zielgruppengerechte, nicht kommerzielle und praxisbezogene Beratungsmaterialien. Rahmenbedingungen: Ausreichend Zeit, angemessene Vergütung, geeignete Dokumentation, qualifizierende Bildungsangebote, interprofessionelle Zusammenarbeit und tragfähige Versorgungsstrukturen. Die Ergebnisse zeigen, dass eine adäquate Ernährungsberatung nicht allein auf Ernährungswissen beruht. Ebenso erforderlich sind kommunikative und beratungsbezogene Kompetenzen, geeignete Materialien und förderliche strukturelle Rahmenbedingungen. 
 

Teilbereich 1: Ergebnisse der Curriculaanalyse

Untersucht wurde, in welchem Umfang ernährungsbezogene Inhalte, Kompetenzen und Beratungsmethoden in bestehenden Aus-, Fort- und Weiterbildungsangeboten für Kinder- und Jugendärzt:innen, Pflegefachkräfte, Medizinische Fachangestellte, Hebammen und Stillberater:innen verankert sind. Von 21.368 recherchierten Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen wiesen lediglich 854 Angebote beziehungsweise 4,0 % einen Ernährungs- oder Kommunikationsbezug auf. Die analysierten Curricula unterscheiden sich deutlich hinsichtlich Umfang, Aufbau und inhaltlicher Tiefe. Der Schwerpunkt liegt überwiegend auf präventivem Ernährungswissen und allgemeiner Kommunikation. Ernährungsberatungskompetenzen und ernährungsmedizinische Inhalte sind deutlich seltener beziehungsweise weniger systematisch integriert. Zwischen den Berufsgruppen und Bildungsstufen bestehen erhebliche Unterschiede in der Abdeckung relevanter Inhalte. Für einen großen Teil der Angebote existiert kein einheitliches Curriculum oder dieses wird nicht öffentlich zur Verfügung gestellt. Insgesamt zeigt die Curriculaanalyse eine heterogene Bildungslandschaft. Ernährungsbezogene Beratungskompetenzen werden bislang nicht durchgängig und systematisch über die verschiedenen Bildungswege hinweg vermittelt. 


Teilbereich 2: Ergebnisse emprischer Untersuchungen

Der Ist-Zustand der ernährungsbezogenen Beratungspraxis wurde mit qualitativen Interviews, einer quantitativen Onlinebefragung und einer Analyse von Beratungsmaterialien untersucht. Qualitative Befragung (n = 60): Ernährungsthemen haben im Berufsalltag der befragten Gesundheitsfachkräfte eine hohe Bedeutung. Gleichzeitig berichteten viele Befragte, während Studium, Ausbildung oder Facharztweiterbildung nur unzureichend auf ernährungsbezogene Beratung vorbereitet worden zu sein. Wissen und Kompetenzen wurden daher häufig durch Berufserfahrung, Fort- und Weiterbildungen sowie eigenständiges Nachlesen erworben. Als wesentliche Beratungshürden wurden insbesondere Zeitmangel, Sprachbarrieren, geringe oder fehlende Vergütung, unterschiedliche Informationsstände und schwer veränderbare Essgewohnheiten genannt. Quantitative Onlinebefragung (n = 446): Die Befragten bewerteten Ernährung und Ernährungsberatung grundsätzlich als bedeutsam. Zugleich zeigten sich Wissenslücken, unter anderem bei Mikronährstoffen, Nahrungsergänzungsmitteln, kulturellen Besonderheiten und verschiedenen Ernährungsweisen. Die Ergebnisse der Fachfragen machten teilweise Abweichungen zwischen der eigenen Kompetenzeinschätzung und dem tatsächlichen Wissen sichtbar. Eine höhere Antwortqualität hing eher mit dem Umfang absolvierter Fortbildungen als mit der Berufserfahrung zusammen. Ausbildung, Studium und Facharztweiterbildung wurden als vergleichsweise geringe Beiträge zum Kompetenzerwerb eingeschätzt. Analyse der Beratungsmaterialien: Insgesamt wurden 48 Materialien gesammelt. Nach der Bereinigung wurden 33 schriftliche Dokumente hinsichtlich ihrer Qualität bewertet und zehn davon vertiefend qualitativ analysiert. 79 % der 33 Dokumente erreichten lediglich eine befriedigende oder schlechtere Qualitätsstufe; nur 6 % waren in weiteren Sprachen verfügbar. Viele Materialien waren verständlich und faktenbasiert, jedoch überwiegend informierend statt aktivierend und boten nur begrenzte Unterstützung für die praktische Umsetzung im Familienalltag. Verbesserungsbedarf besteht insbesondere bei Qualität, Aktualität, Evidenzbasierung, Zielgruppenpassung, Mehrsprachigkeit und Handlungsorientierung. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass für wirksame Prävention sowohl fundiertes Ernährungswissen als auch familienzentrierte Kommunikation, Beratungskompetenz, geeignete Materialien und unterstützende Rahmenbedingungen erforderlich sind.


Teilbereich 3: Ergebnisse des Soll-Ist-Abgleichs

Die im Kriterienkatalog definierten Anforderungen wurden systematisch mit den Ergebnissen der Curriculaanalyse, der Interviews und der Onlinebefragung verglichen. Dabei wurden über alle Berufsgruppen hinweg Lücken in sämtlichen Bereichen der Ernährungsbildung identifiziert: Ernährungswissen: Berufsübergreifende Lücken zeigten sich insbesondere bei Makronährstoffen, Flüssigkeitsbedarf, Lebensmittelhygiene, der Anwendung von Leitlinien zur Beurteilung des Ernährungsstatus, verschiedenen Ernährungsweisen und der Einschätzung des Essverhaltens. Weitere Bedarfe, etwa bei Stillen, Beikost, Nahrungsergänzungsmitteln und dem Erkennen von Essstörungssymptomen, unterschieden sich zwischen den Berufsgruppen. Kommunikations- und Beratungskompetenz: Defizite bestanden vor allem bei der Motivierenden Gesprächsführung, bei ressourcen- und lösungsorientierten Methoden zur Verhaltensänderung sowie beim feinfühligen Umgang mit dem Thema Körpergewicht. Je nach Berufsgruppe wurden zudem Lücken in der patienten- und familienzentrierten Kommunikation, der interkulturellen Kompetenz, dem Einsatz geeigneter Beratungsmaterialien sowie bei Selbstfürsorge und Selbstwirksamkeit sichtbar. Rahmenbedingungen: Alle Berufsgruppen bewerteten die verfügbare Zeit und die Vergütung ernährungsbezogener Beratung als unzureichend. Bei Ärzt:innen, Pflegefachkräften und Medizinischen Fachangestellten zeigten sich außerdem Lücken beim Zugang zu Ernährungsfachkräften sowie bei der Möglichkeit einer regelmäßigen und langfristigen Betreuung. Der Soll-Ist-Vergleich zeigt, dass Ernährungsbildung nicht allein durch zusätzliche Fachinhalte gestärkt werden kann. Erforderlich ist eine handlungsorientierte Verbindung von Ernährungswissen, Kommunikations- und Beratungskompetenz sowie geeigneten strukturellen Voraussetzungen.


Teilbereich 4: Ergebnisse der Maßnahmenableitung 

Die im Soll-Ist-Vergleich identifizierten Lücken wurden in einer Rückkopplungsphase mit Expert:innen (n = 21) und der Zielgruppe (n = 100) bewertet. Die Maßnahmen in den Bereichen Ernährungswissen, Kommunikations- und Beratungskompetenz sowie Rahmenbedingungen wurden insgesamt als mittel bis hoch relevant eingeschätzt. Als zentrale Maßnahmen wurden abgeleitet: Verbindliche Integration von Ernährungswissen sowie Kommunikations- und Beratungskompetenz in Studium, Ausbildung und Facharztweiterbildung. Praxisnahe, flexible Fort- und Weiterbildungsangebote sowie die Stärkung interprofessionellen Lernens und Arbeitens. Verbesserung der strukturellen Rahmenbedingungen, insbesondere durch eine angemessene Vergütung ernährungsbezogener Beratung und eine stärkere Einbindung von Ernährungsfachkräften. Bereitstellung evidenzbasierter und leicht verständlicher Beratungsmaterialien sowie Stärkung der Ernährungsbildung in Kitas und Schulen. Veränderungen der Rahmenbedingungen wurden als besonders wichtig, zugleich jedoch als am schwierigsten umsetzbar bewertet. Flexible und praxisnahe Angebote erschienen leichter realisierbar. Freiwillige Fort- und Weiterbildungen sowie das Selbststudium wurden von der Zielgruppe dagegen als weniger relevant eingeschätzt. 

Hinweis zu weiterführenden Materialien Ein FactSheet mit einem kompakten Überblick über die Projektergebnisse steht zum Download zur Verfügung. Der vollständige Abschlussbericht wird ebenfalls öffentlich zugänglich sein.
 

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