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Algen und Strukturwandel: Was AlgaHub in Sachsen-Anhalt leisten kann

  • Willkommensseite der Plattform AlgaHub mit Fokus auf Algenbiotechnologie und nachhaltige Anbauverfahren. Im Hintergrund leuchtende, grüne Algenkultur in Reagenzgläsern. © hochschuleanhalt | screenshot web algahub
    Die neue Plattform zur Vernetzung der Algenbiotechnologie: AlgaHub

Wo früher Bagger die Kohle aus der Erde holten, stehen heute Photobioreaktoren: durchsichtige Röhren, gefüllt mit grünem Zellwasser. Das ist ein Bild aus der Zukunft, zu der das Projekt AlgaHub den Weg ebnen soll. Was ist zu tun, damit Algen tatsächlich zum Strukturwandel in den Kohleregionen beitragen?  Mit der vor kurzem ans Netz gegangenen Plattform AlgaHub legt die Hochschule Anhalt einen wichtigen Grundstein dafür: eine Anlaufstelle für alle, die mit Algen wirtschaften wollen.

Was AlgaHub konkret ist

AlgaHub ist ein Vernetzungsprojekt für die Algenbiotechnologie in Sachsen-Anhalt. Gefördert wird es über das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz im Rahmen des Strukturstärkungsgesetzes, das den Kohleausstieg in der Region abfedern soll. Die Laufzeit beträgt vier Jahre, von April 2025 bis März 2029.

Im Zentrum steht die Website „AlgaHub“. Sie bündelt eine Projektdatenbank mit bislang 20 Forschungsvorhaben der Hochschule Anhalt und eine Partnerdatenbank mit Unternehmen entlang der Algenwertschöpfungskette: von Anlagenbauern über Analytikfirmen bis zu Produzentinnen und Produzenten. Der Seniorprojektmanager von AlgaHub, Dr. Peter Ripplinger  beschreibt das Ziel so: „Wir wollen einen One-Stop-Shop schaffen, einen Platz, an dem man alle relevanten Informationsquellen zur industriellen Algenbiotechnologie und zu laufenden Projekten findet."

Die Zahlen zeigen, warum eine solche Plattform fehlt. Die Fachgruppe Industrielle Algenbiotechnologie beim Branchenverband Dechema e.V., in der der Projektmanager selbst zwölf Jahre aktiv war, zählt bundesweit gerade einmal 12 bis 15 aktive Mitglieder. Eine überregionale Struktur, die Wissen bündelt, gibt es bislang nicht. „Wenn ich als Unternehmer aktuell in die Algenwirtschaft einsteigen will, muss ich viele Informationen zunächst selbst zusammentragen“, so Ripplinger, der viele Jahre als Geschäftsführer für einen Anbieter von Photobioreaktoren tätig war und mit der Algen-Forschung von Prof. Dr. Carola Griehl an der Hochschule Anhalt viele Berührungspunkte hatte.

Wir wollen einen One-Stop-Shop schaffen, einen Platz, an dem man alle relevanten Informationsquellen zur industriellen Algenbiotechnologie und zu laufenden Projekten findet.

Dr. Peter Ripplinger

Von Vitamin B12 bis Biokunststoff

Die Forschungsvorhaben sind so breit gestreut wie die Möglichkeiten, die Algen bieten. Zudem sind die Technologiereifegrade sehr unterschiedlich. Dem Markt am nächsten sind Projekte mit bereits zugelassenen Algen wie Chlorella. Sie wird bereits seit zehn bis fünfzehn Jahren im sachsen-anhaltischen Klötze produziert. Ein Forschungsprojekt der Hochschule Anhalt untersucht aktuell den Vitamin-B12-Gehalt der Alge, ein Qualitätsmerkmal, das sich auch vermarkten lässt.

Andere Ansätze stehen noch am Anfang. Mit dem Düngemittelhersteller SKW Piesteritz forscht die Hochschule an Biostimulanzien, also an Zusatzstoffen, die Pflanzen widerstandsfähiger machen und Dünger einsparen sollen. Parallel laufen zum Beispiel Vorarbeiten zu Biokunststoffen auf Algenbasis, etwa mit einem speziellen „Milking-Verfahren“ zur Gewinnung extrazellulärer Algen-Öle. Sie könnten fossile Rohstoffe ersetzen. 

Wie breit und gut vernetzt die Algenforschung der Hochschule Anhalt inzwischen aufgestellt ist, zeigte der 4. Mitteldeutsche Algenstammtisch im Mai 2026. Dabei wurde auch deutlich, wie groß der Bedarf ist sich fortlaufend auszutauschen. Dazu soll AlgaHub ein wichtiges Instrument sein. 

Wirtschaftliche Effekte für die Region

Wie viele Ansiedlungen und Produktionsstätten am Ende in Mitteldeutschland aus dieser Forschung entstehen, lasse sich seriös noch nicht vorhersagen, erklärt Peter Ripplinger. Am konkretesten sind derzeit die Pläne der Firma AlgaeCytes, die in Dessau-Roßlau Algen zur Gewinnung von Omega-3-Fettsäuren produzieren will. „Gerade bei neuen Märkten gibt es in der Regel viele Hemmnisse“, lenkt Peter Ripplinger auf die typischen Herausforderungen von Innovation und Transformation.

Dazu zählen zum Beispiel Regulierungen. Wer eine neue Alge als Lebensmittel oder Nahrungsergänzungsmittel verkaufen will, muss sie über die europäische Novel-Food-Verordnung zulassen. Dieses Verfahren ist aufwendig, für kleine Start-ups oft kaum zu stemmen. Hinzu kommt ein eher historisch bedingtes Einordnungsproblem. Algenproduktion ist rechtlich weder klassische Biotechnologie noch Landwirtschaft und fällt damit zwischen Verbands- und Förderkategorien.

„Wir können nicht an allen Hemmnissen arbeiten, aber an solchen wie dem Informations- und Vernetzungsdefizit“, sagt Ripplinger, sowie auch an der gezielten Unterstützung bei Förderanträgen für Forschung und Entwicklung. AlgaHub hilft Unternehmen etwa mit Vorstudien, die klären, ob eine geplante Nutzung von Algen technisch überhaupt funktioniert. Mit SKW Piesteritz laufen solche Voruntersuchungen bereits.

Wir können nicht an allen Hemmnissen arbeiten, aber an solchen wie dem Informations- und Vernetzungsdefizit.

Dr. Peter Ripplinger

Was das fürs Klima bedeutet

Für den Klimaeffekt gilt eine Faustregel: Eine Tonne produzierte Algenbiomasse entspricht rechnerisch 1,8 Tonnen CO2, die der Atmosphäre entzogen werden, weil die Algen das Gas über Photosynthese binden. Anlagen wie die geplante Fabrik von AlgaeCytes in Dessau-Roßlau kalkulieren  in der ersten Ausbaustufe mit rund 50 Tonnen Biomasse pro Jahr,  die Produktion soll laut Planung bis auf 300 Tonnen gesteigert werden. Die Algenfarm in Klötze produziert 30 – 50 Tonnen Biomasse pro Jahr, kleinere Anlagen etwa 20 Tonnen.

Im Vergleich zu den Emissionen eines Braunkohlekraftwerks sind das eher kleine Mengen. „Für einen spürbaren Klimaeffekt brauchen wir die Skalierung, also den Sprung von der Laboranlage zur industriellen Produktion“, erklärt Ripplinger. Und diesen Sprung, den Technologiereifegrad zu erhöhen, unterstützen die meisten aktuellen Förderprogramme im Algenbereich.

Auch die Hightech-Agenda der Bundesregierung setzt auf Alternativen bei der Ernährung der Zukunft, weil der traditionelle Ackerbau zunehmend an seine Grenzen stößt – insbesondere auf die zur Verfügung stehenden Flächen. Algen haben den Vorteil, dass ihr Ertrag pro Hektar deutlich über dem der klassischen Landwirtschaft liegt. Doch dafür sind weiterhin Forschung und Investitionen in die Algenbiotechnologie notwendig.

Informationen & Links

Die Website von AlgaHub ist ab sofort online und richtet sich an Forschende, Unternehmen und alle, die sich über die Algenbiotechnologie in der Region oder Algen für den Strukturwandel informieren wollen: www.algahub.de

Das Kompetenzzentrum Algenbiotechnologie (CAB) an der Hochschule Anhalt hat in den vergangenen 25 Jahren zahlreiche Projekte zur Forschung der Algenproduktion und der Algennutzung durchgeführt. Mit dem Mitteldeutschen Algenzentrum wird diese Forschung in den kommenden Jahren noch einmal erweitert, um Erkenntnisse zur Marktreife zu führen. 

 

Weitere Artikel zum Thema Algenbiotechnologie auf dem KlimaBlog:

Mikroalgen als Zukunftsressource: Ein Update

https://www.hs-anhalt.de/hochschule-anhalt/aktuelles/neuigkeit-1/mikroalgen-als-zukunftsressource-ein-update.html

 

Mikroalgen als Ersatz für Erdöl: Wie nah sind wir an der industriellen Nutzung?

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Phykonomie im Aufbruch: Was der 4. Mitteldeutsche Algenstammtisch zeigt

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4 Irrtümer über Algen und Ernährung – was Forschung und Praxis dazu sagen

https://www.hs-anhalt.de/hochschule-anhalt/aktuelles/neuigkeit-1/4-irrtuemer-ueber-algen-und-ernaehrung-was-forschung-und-praxis-dazu-sagen.html

 

Algenbiotechnologie im Studium: Als studentische Hilfskraft in der Forschung mitarbeiten

https://www.hs-anhalt.de/hochschule-anhalt/aktuelles/neuigkeit-1/algenbiotechnologie-im-studium-als-studentische-hilfskraft-in-der-forschung-mitarbeiten.html

 

Redaktion

Claudia Aldinger

Dr. Peter Ripplinger

… ist erreichbar per E-Mail: peter.ripplinger(at)hs-anhalt.de

 

Das Portal des AlgaHub ist über diesen Link direkt erreichbar: https://algahub.de/

 

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