Die Materiability Research Group der Hochschule Anhalt präsentiert sich in diesem Jahr erstmals auf der Fachmesse “formnext” – mit zukunftsweisenden Ideen ganz nah an der Praxis.
Aktuelles
Materiability Research Group: Forschung nimmt Form an
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© HS Anhalt | materiability research group
Lignin, Stärke, Pilz-Myzel
Lignin als Verbundwerkstoff für den nachhaltigen 3D-Druck, Prototypen auf der Basis von Stärke als formbares Biopolymer, eine Box aus Pilz-Myzel: diese Themen wird das Team der Materiability Research Group ab dem 18. November unter anderem in Frankfurt (Main) präsentieren. Dabei ist die Bandbreite ihres „Materiability Labs“ noch weitaus größer. Seit 2019 steht es Studierenden und Hochschulangehörigen offen, um ihre Ideen für nachhaltiges Design und Bauen zu entwickeln. Zum Teil in Kooperation mit der Wirtschaft: Forschung und Anwendung ergänzen sich hier gegenseitig im Biolab, Laser- and Fablab, Mycel-Lab und DX-Lab. Prof. Dr. Manuel Kretzer hat diesen Weg maßgeblich mit geebnet und erklärt im Interview, was ihn antreibt.
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Die Materiability Research Group erzeugt Wissen nicht nur theoretisch, sondern evaluiert es durch Experimente, Prüfungen und Designkonzepte.
Im Gespräch mit Prof. Dr. Manuel Kretzer
Er hat die Materiability Research Group 2019 gemeinsam mit Virginia Binsch gegründet und das Materiability Lab aufgebaut – unterstützt durch eine Förderung im Rahmen des ego.-Inkubatorenprogramms (EFRE).
Herr Prof. Kretzer, was macht die Materiability Research Group einzigartig – wo verorten Sie sich zwischen Wissenschaft und Gestaltung?
Die Materiability Research Group an der Hochschule Anhalt des Fachbereich Design versteht sich als transdisziplinäre Schnittstelle zwischen wissenschaftlicher Forschung und gestalterischer Praxis. Im Mittelpunkt steht das Material selbst – nicht als passives Mittel, sondern als aktiver Akteur. Durch die Verbindung von digitalen Fertigungsmethoden, nachhaltiger Werkstoffnutzung und Design entstehen neuartige Materialsysteme und -kombinationen. Wissen wird nicht nur theoretisch erzeugt, sondern durch Experimente, Prüfungen und Designkonzepte evaluiert. Die Forschungsgruppe fördert eine offene, kollaborative Haltung und teilt ihre Erkenntnisse beispielsweise über die Plattform materiability.com. So positioniert sie sich als hybrider Raum zwischen Design, Technologie und Natur.
An welchen Projekten arbeiten Sie aktuell? Welche bilden die Ausrichtung der Forschungsgruppe gut ab?
Die Materiability Research Group arbeitet derzeit an unterschiedlichen Forschungsprojekten, die unter anderem auf EU-Ebene Drittmittel gefördert werden:
- Bio Formwork – Großformatiger 3D-Druck biobasierter Schalungen
- Lignin – Faserverstärkte Verbundwerkstoffe für nachhaltigen 3D-Druck
- The Tactility of Emotions_Autonome Materialien
- Myzel Bike Box
- Von Daten zu Design – Großformatige additive Fertigung
- Innovative Mycolab – Mycothek (InMyco)
[ausführliche Projektbeschreibungen am Ende des Blogbeitrags]
© HS Anhalt/ FB Design/Ag Prof. Kretzer
Nachhaltige Materialien stehen im Fokus des Materiability Lab – welche konkreten Probleme wollen Sie damit lösen?
Die Forschungsgruppe zielt im Hinblick auf Materialität darauf ab, den hohen Ressourcenverbrauch und die Abhängigkeit von erdölbasierten Kunststoffen in Design und Architektur zu reduzieren und durch den Einsatz verschiedener State of the art Technologien neu zu denken. Durch die Entwicklung biobasierter, kreislauffähiger und teilweise lokal produzierbarer Materialien sollen ökologische Alternativen geschaffen werden, die sowohl funktional als auch ästhetisch überzeugen. Damit wird auf Klimawandel, Materialknappheit und Abfallproblematik reagiert. Wir zeigen Wege auf, wie nachhaltige Materialsysteme zu einem verantwortungsvolleren Umgang mit Ressourcen beitragen können.
© HS Anhalt/FB Design/AG Prof. Kretzer
Wer profitiert von Ihrer Forschung – welche Branchen oder Bereiche sprechen Sie an?
Die Forschungsarbeiten adressieren unterschiedliche Anwendungsfelder und verdeutlichen die Bandbreite nachhaltiger Materialinnovationen. Im Transportwesen wird mit der Myzel Bike Box das Potenzial biologisch gewachsener Strukturen für leichte, modulare Konstruktionen fokussiert. Im Bauwesen tragen ligninbasierte Verbundwerkstoffe und TPS-Materialien zur Entwicklung ressourcenschonender, biobasierter Materialsysteme bei. Die Automobilbranche wird durch das Projekt „Autonome Materialien“ angesprochen, das smarte, adaptive Oberflächen für multisensorische Mensch-Technologie-Interaktionen erforscht. Im Produkt- und Interieurdesign eröffnet das NEB-Projekt neue Perspektiven für strukturell optimierte Möbel und digital gefertigte Komponenten. Darüber hinaus zählen Branchen wie die Verpackungs- und Textilindustrie sowie das Handwerk zu den potenziellen Anwendungsfeldern des InMyco-Projekts.
© HS Anhalt/FB Design/AG Prof. Kretzer
Warum präsentieren Sie sich erstmals auf der formnext?
Die formnext zählt zu den international wichtigsten Plattformen für Expertinnen und Experten des industriellen 3D-Drucks sowie für Fachleute aus einer stetig wachsenden Zahl von Anwendungsbranchen. Zudem stellt sie einen wichtigen Schritt dar, um die aktuellen Forschungsstände einem internationalen Fachpublikum aus Industrie, Wissenschaft und Design zu präsentieren.
Der kontinuierliche Dialog zwischen angewandter Forschung und Wirtschaft ist dabei zentral – nicht nur, um neue Kooperationen zu initiieren, sondern auch, um bestehende Partnerschaften zu pflegen und weiter auszubauen. Ergänzend zur Messepräsenz werden die Forschungsergebnisse über Konferenzbeiträge, Symposien, Ausstellungen in Museen sowie wissenschaftliche Publikationen kommuniziert, wodurch der Wissenstransfer und die Sichtbarkeit der Innovationen nachhaltig gestärkt werden.
© garrykillian/stock.adobe.com
Aktuelle Projekte der Materiability Research Group | ausführlich beschrieben
Bio Formwork – Großformatiger 3D-Druck biobasierter Schalungen
Das PhD-Forschungsprojekt erforscht thermoplastische Stärke (TPS) als nachhaltiges Material für digital gefertigte Betonschalungen. Dabei werden robotisch 3D-gedruckte TPS-Formen als nachhaltiges Schalungsmaterial für ultrahochfesten Beton benutzt, um ressourcenschonende Bauprozesse zu erproben. Die Arbeit von Benjamin Kemper agiert als kollaborative Forschung mit der ETH Zürich, D-Arch, ITA Institute of Technology in Architecture, digital building technologies.
Lignin – Faserverstärkte Verbundwerkstoffe für nachhaltigen 3D-Druck
Die PhD-Forschung entwickelt vollständig biobasierte, potenziell biologisch abbaubare Lignin-Verbundwerkstoffe für den robotisch gesteuerten FGF-3D-Druck. Ziel ist es, erdölbasierte Kunststoffe in geeigneten Anwendungsfeldern zu ersetzen. Die Forschung von Danny Ott wird teilweise durch das „Kompetenznetzwerk für Angewandte und Transferorientierte Forschung“ (KAT) der Hochschule Anhalt gefördert (ZS/2023/12/182020).
The Tactility of Emotions_Autonome Materialien
Die Promotionsforschung „The Tactility of Emotions“ von Virginia Binsch entwickelt formverändernde, smarte Materialsysteme als multisensorische Schnittstellen zwischen Mensch und Technologie. Mithilfe von FGF-3D-Druck und textilbasierten Strukturen entstehen großmaßstäbliche, reaktionsfähige Oberflächen. Die Arbeit ist eingebettet in das EU geförderte Projekt „Autonome Materialien – Schnittstelle zu technischen Systemen, multisensorische Interaktion und die Erzeugung von Emotion, Sicherheit und Vertrauen“, das zudem von den Wissenschaftlichen Mitarbeitern Kristian Gohlke, Ali Etemadi und Jan Stakfleth bearbeitet wird (ZS/2023/12/182019).
Myzel Bike Box
Die Forschung zielt auf die Entwicklung einer modularen Transportbox für Lastenräder ab. Das wachsende Myzelkomposit bildet den biologisch abbaubaren, reparier- und recycelbaren Kern der Konstruktion. In Kombination mit einem 3D-gedruckten PLA-Rahmen entsteht eine funktionale Einheit, die nachhaltige Materialforschung mit urbanem Design verbindet. Das ZIM-Projekt „Entwicklung einer nachhaltigen Transportbox für Lastenfahrräder aus einem neuen Myzel-Komposit-Material (Myzel-BikeBox) / KK5458201FF2 wird als Teilprojekt mit dem Namen „Entwicklung des Myzel-Komposit-Materials inklusive der Wachstumsumgebung und der Nährmedien“ von Louis Möckel bearbeitet.
Von Daten zu Design – Großformatige additive Fertigung
Im Rahmen des New European Bauhaus (NEB) untersucht das Projekt den großformatigen FGF-3D-Druck mit PLA-Cellulose-Verbundwerkstoffen. Parametrisch modellierte Möbel demonstrieren, wie digitale Simulation, Materialeffizienz und Ästhetik zusammenwirken können. Das von der EU geförderte Verbundprojekt wird als Teilvorhaben von der Hochschule Anhalt Anhalt bearbeitet: „Reallabor ZEKIWA Zeitz“ ZS/2024/07/188381. Der wissenschaftliche Mitarbeiter Ali Etemadi bearbeitet dabei das Teilvorhaben „ZEKIWA-3DP“.
Innovative Mycolab – Mycothek (InMyco)
Das InMyco-Projekt ist eine Kooperation zwischen der Materiability Research Group und dem Fachbereich für Angewandte Biowissenschaften und Verfahrenstechnik der Hochschule Anhalt. Ziel ist die Entwicklung innovativer Myzelmaterialien durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Biotechnologie, Materialentwicklung und Design. Dabei entstehen nachhaltige Werkstoffe aus Rest- und Nebenströmen der Land- und Forstwirtschaft sowie der Prozessindustrie. Ein zentrales Ergebnis ist die Mycothek – eine datenbankbasierte Sammlung myzelbasierter Materialien und Forschungsansätze. Innerhalb der Forschungsgruppe wird das EU geförderte Verbundprojekt Innovative Mycolab – Mycothek (InMyco), (ZS/2024/02/183980) von Anna Gronemeier und Sofia Stateczny bearbeitet.
Claudia Aldinger
Prof. Dr. Manuel Kretzer... ist für Nachfragen und Anfragen erreichbar unter Tel.: +49 (0) 340 5197 91719 oder per E-Mail: manuel.kretzer(at)hs-anhalt.de
... aktuelle Publikationen und Projekte auf der Seite der Materiability Research Group: https://materiability.com/.
formnext: Das Team der Materiability Research Group präsentiert seine Forschung vom 18. bis 21. November 2025 auf der formnext in Frankfurt am Main. Die Hochschule Anhalt ist am Gemeinschaftsstand Forschung für die Zukunft in Halle 12.1/Stand C81 zu finden.
Titelbild: Screenshot Homepage Materiability Research Group